Die Welt, 19.Juni 2004
Im Volksmund sind Dichten und Denken weit voneinander entfernt. Dem liegt der Irrtum zu Grunde, dass Dichten mehr mit dem Gefühl und weniger mit dem Verstand zu tun hat. Wie sehr Dichten und Denken Eins sein können, zeigt die Sammlung der Gedichte des Mainzer Philosophen Richard Wisser. Der Dichter-Philosoph (Jahrgang 1927) steht mit seinen Gedichten quer zum Zeitgeist, wenn man darunter eine skeptische Weltsicht versteht, wie sie insbesondere der Generation der Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg zu Eigen ist. Er lotet Lebenssituationen aus, die "die Gunst des Augenblicks in einem flüchtigen, dauernd bedrohten Leben nicht versäumen will" und das Dasein als Bewährung begreift. Der Gedankenlyriker verbindet Hintergründiges mit Alltagsbeobachtungen und zeigt, dass der Mensch ständig unterwegs zu sich selbst ist und nur dabei sich selbst findet: ein "Halt ohne Anhalt".
Dieter Stolte