Für diejenigen, die auch nach dem 11. September nicht einem uneingeschränkten Amerikanismus verfallen sind, ist dieses Buch ein wahrer Genuss: Dem Autor ist es gelungen, darzustellen, auf welch wackeligem moralischen Fundament der angeblich freieste aller Staaten steht. Er rechnet ab mit der Ausrottung der Indianer, der Versklavung der Schwarzen und dem amerikanischen Imperialismus.
Die Geschichte der USA erscheint nicht mehr - wie in so manchem Geschichtsbuch - wie eine bessere Bibel, sondern wird ironisch und teilweise zynisch hinterleuchted. Wussten sie, dass der amerikanische Präsident Roosevelt angeblich von der bevostehenden Bombadierung Pearl Harbours gewusst haben soll und sie billigend als Kriegsgrund hingenommen haben soll? Wussten sie von der Vormachtstellung der Hochfinanz, die die Politiker wie Marionetten in ihrer Hand benutzt ?
Ich wußte es nicht, doch weiß ich es jetzt? Wir sind ( um den von Fernau bevorzugten pluralis modesti zu verwenden ) beim Hauptkritikpunkt angelangt: Das Buch liest sich zwar spannend wie ein Roman, doch läßt es teilweise an der Richtigkeit der Darstellungen zweifeln. Allzuoft bleibt Fernau einen genauen Beweis schuldig - es gibt kein Quellenverzeichnis - zudem läßt der teilweise unsachliche Sprachstil die aufgestellten Behauptungen in einem falschen Licht erscheinen, denn „Haß und Liebe sind häufig von dem Feuer geblendet, dass sie in sich tragen", um es mit Nietzsches Worten zu sagen. Wobei ich die Worte der Kritik nun auf das Geschriebene beschränken will um mich des Lobens hinzugeben: Ich kann meinen eigenen Steilpass dabei problemlos aufnehmen und das fulminante Wissensfundament loben, dass diesem Werk zugrunde liegt. Eingeflochtene Zitate, Ausflüge in die Kunst- und Literaturgeschichte, die wichtigsten Erfindungen samt ihrer Erfinder - dieses Groß an Informationen wird dem wachsamen Leser in netten Nebensätzen verabreicht. Abgerundet wird all dies noch durch manch geistvolle Ausführungen zu Politik, Philosophie und Soziologie, besonders den Ausflug in die Demokratie und den Kapitalismus stellt sich dabei als verblüffend trocken und geistreich dar.
Doch der Autor selbst bleibt dem Leser am eindringlichsten im Hinterkopf: Man hat das Gefühl, dass dort ein einsamer Mann die Wahrheit in den Wald schreit, die keiner hören will. Daraus resultiert der teilweise bösartige Schreibstil und die immer häufiger werdenen Dialoge mit dem Leser. Und genau hier hat das Buch auch seinen Reiz. Gerade nach dem 11. September ist man in der Öffentlichkeit wieder nur zu oft auf undifferenzierte Meinungen über die USA getroffen - in Anbetracht der menschlichen Tragödie war es auch bequemer, political correctness an den Tag zu legen. Mit diesem Buch, in diesem Autor hat man jemanden gefunden, der einem im Schweigen zustimmt, wenn man denkt, dass die Anschläge vom 11. September nicht der freien Welt gegolten haben, sondern der amerikanischen Hochfinanz. Man beginnt nicht, die Täter zu verstehen, ich verstehe keine Mörder, aber man beginnt zu verstehen, dass zu Konflikten immer zwei Parteien gehören. Und zu Kriegen auch. Und dass in Amerika viel mehr im Argen liegt als es die nette Fassade vom weißen Gartenzaun und calvinistischem Glaubenseifer vermuten läßt.
Dieses Buch kann ein Augenöffner sein - der Doppelmoral, des gefährlichen amerikanischen Selbstverständnisses - und ist deshalb lesenswert, weil es nötig war, dass auch die andere Seite der Vereinigten Staaten mal gezeigt wird.