Wer in der gegenwärtigen Schulden-, Politik- und Finanzkrise nach Orientierungspunkten sucht und offen ist für nicht-religiöse Ansätze, wird an den fundierten und weit ausgreifenden Überlegungen von Ken Wilber grossen Gefallen finden.
Sein Ansatz - in wenigen Sätzen zusammengefasst basiert zunächst auf einem breit gefassten Verständnis von Evolution. Nicht bloss das oft falsch verstandene "Survival of the Fittest" im Pflanzen- und Tierreich, sondern jede systematische Entwicklung von Systemen zu höherer Komplexität und komplexeren Ordnungen gehört da zum Begriff Evolution. Entsprechend sieht Wilber auch die kulturelle, gesellschaftliche Entwickung als Teil der Evolution.
Der zweite grundlegende Gedanke ist die aus der Biologie gewonnene Erkenntnis, dass das einzelne Lebewesen in seiner Embryonal- und Lebensentwicklung zunächst die Entwicklungsgeschichte seines Stammes im Groben nachvollzieht. Deshalb haben ja z.B. menschliche Embryos in gewissen Phasen Kiemen und einen Schwanz wie Amphibien. Diese Elemente werden später um- und abgebaut. Diese Erkenntnis überträgt Wilber auf die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaften, so seine Überlegung, entwickeln sich entlang derselben Linien, wie der Einzelne: vom Neugeborenen, das noch völlig Bestandteil seiner Umgebung ist, zur Entwicklung des Ich-Bewusstseins, Matriarchat und heute Patriarchat - und, nach Wilber - eben darüber hinaus.
Die dritte Grundlage ist das in einem früheren Buch ("The Atman Project") entwickelte Gesamtsystem der Entwicklung von der Materie (Natur) zum Transzendenten (Gott). Auf dieser Leiter (genauer: ein Kreis, bei Wilber) stehen wir jetzt in der Hälfte.
Das Buch befasst sich damit, die Entwicklung der Menschheit von dem reinen "Teil der Natur" zum heutigen Endpunkt des Patriachates aufzuzeigen und zu begründen. Alles sehr fundiert und ausführlich. Sehr beeindruckend.
Wilber ist Philosoph. Eine der Gewohnheiten von Philosophen ist es, spezifische, im aktuellen Kontext wichtige Ideen und Konzepte mit Begriffen zu belegen, welche für den Normalleser nicht notwendigerweise "richtig" assoziieren. So macht Wilber etwa einen wichtigen Unterschied zwischen dem echten Gottesbewusstsein, genannt "Atman" und der krankhaften Projektion von eigenen Wünschen, genannt "Atman-Projekt". Das Atman-Projekt ist damit so etwa das Gegenteil von Atman. Für mich ist allerdings ein "Projekt" ein Vorhaben, um etwas zu erreichen, da wäre also das Atman-Projekt das Vorhaben, Atman zu erreichen - was Ken Wilber gerade eben nicht damit meint. Dies sind aber untergeordnete Kritikpunkte und die Sprachprobleme lassen sich mit etwas gutem Willen bald überwinden.
Was hat das alles nun mit der Finanzkrise zu tun? Wilber zeigt auf, dass Kriege erst mit dem Patriarchat, von den Assyrern etwa 6'000 Jahre vor Christus erfunden wurden, und keine menscheitsgeschichtliche Notwendigkeit sind. Er zeigt ferner, dass der nächste Schritt - die Entwicklung von überbewussten, schamanischen Fähigkeiten (wie z.B. Geistheilung, Lichnahrung, Gedankenlesen etc.), die mit der Überwindung des gegenwärtig dominierenden materialistisch-naturwissenschaftlich-patriarchalen Weltbildes einhergehen JETZT fällig ist.
Die Geschichte zeigt gemäss Wilber, dass die Menscheit eine Ebene bis zum bittersten Ende ausreizt und auskostet, bevor sie insgesamt bereit ist, den nächsten Schritt zu tun. Dieses Ausreizen passiert heute vor unseren Augen. In Politik, Medizin, Wirtschaft, Wissenschaft, wohin man schaut zählt nur noch der eigene, kurzfristige Gewinn, das Ganze zählt nicht mehr. Nicht mehr "erst kommt das dienen, dann das verdienen", sondern "wie wenig können wir leisten, damit wir insgesamt am meisten verdienen können" ist die Devise. Jeder versucht, auf Kosten der anderen zu leben. Gleichzeitig steigt aber die Menge der Menschen, welche diesem Sandkastenspiel zu entkommen versuchen und die Menge von Menschen, welche mit alternativen Heilmethoden, alternativen Philosophien und alternativen Bewusstseinszuständen experimentieren exponentiell. Das Internet ermöglicht die weltweite Vernetzung und den Austausch in Sekundenschnelle. Daher wissen diese neugierigen Menschen viel mehr voneinander als vor 30 Jahren.
Dies alles deutet wirklich darauf hin, dass Ken Wilbers Hypothese, wir stünden "heute" (geschrieben 1977) von der Halbzeit, in der wir uns befinden, durchaus plausibel ist.
Fazit: Ein sehr beeindruckendes Buch, dessen Äonenlange Perspektive ein hervorragendes Gegengift gegen die heutige mediengesteuerte geistige Kurzatmigkeit bildet. Der Inhalt ist derart überzeugend, dass ich trotz gewisser Mängel gerne 5 Sterne vergebe. Meine Empfehlung: Buch kaufen und Lesen! Es wird ein Gewinn sein!