Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
55 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein tiefer Schritt zurück in die politische Vergangenheit, 21. August 2008
Uwe Timm Halbschatten Kiepenheuer & Witsch
ISBN 346204043X
Bei einem Rundgang über der Invalidenfriedhof in Berlin erzählt der Friedhofswärter einem unbekannten Erzähler von einer großen Liebe: Marga von Etzdorf und Christian von Dahlem, die hier begraben liegen. Sie sind sich Anfang der dreißiger Jahre in Japan begegnet. Beide verbringen eine zauberhafte Nacht, geheimnisvoll und erotisch. Mangels ausreichender Unterkünfte in der Stadt übernachten sie im selben Zimmer, das nur durch einen langen Vorhang getrennt ist. Im Schatten der Lampen können sie ihre Silhouetten ausmachen, und sie können ihren Stimmen lauschen.
M. v. Etzdorf hat als erste europäische Fliegerin den langen Flug nach Japan geschafft. Der Diplomat von Dahlem befindet sich in geheimer Mission im fernen Osten. Mut, Ausdauer, gutes Aussehen und exorbitante Aktivitäten üben eine magische Anziehung auf jeden aus, der den beiden begegnet.
Der Schauspieler, Gaukler und Entertainer Miller kommt zwischen den Zeilen zu Wort. Er erscheint wie der Narr an der Tafel des Hofes, und er kannte die beiden gut.
Während des Gangs über den Friedhof kommen nicht nur bekannte Größen des Nazireichs zu Wort.
Es erhebt sich ein Chor von Stimmern, der unheimlich und düster nach und nach Einzelschicksale beleuchtet. Dabei geht das Erzählte zurück bis zu den Befreiungskriegen zwischen Preußen und Napoleon, die mit dem Namen Scharnhorst verbunden sind, leitet über zum ersten Weltkrieg, in dem der Jagdflieger Udet zu Glanz und Ehren kam und führt uns dann in den zweiten Weltkrieg mit der Judenverfolgung und dem Judenschlächter Heydrich an der Spitze.
In ungewohnter Weise fügen sich Assoziationen der verschiedensten Art in die Erzählung und halten sie mit einem weiten Spannungsbogen zusammen.
Mit gewohnt feiner Feder nimmt sich Uwe Timm auf besondere Weise der nahen und fernen deutschen Geschichte an, die ihn in vielen seiner Erzählungen beschäftigt hat. Er ist der feinsinnige Poet, dem man die Ernsthaftigkeit seiner Erinnerungen glaubt. Wie mit einem Mikroskop holt er die Geschichte heran. Die Stimmen erheben sich nicht in einer bestimmten Zeitenfolge, sondern sie kommen aus dem Nichts und verschwinden wieder. Die Liebesgeschichte zwischen von Etzdorf und von Dahlem bietet den exotischen und amourösen Mittelpunkt, der den vergangenen Zeiten bei aller Grausamkeit ein menschlich anrührendes Gesicht verleiht.
Mit Hinweisen auf die verwendeten literarischen Quellen sind die Geschichtsdaten belegt.
Uwe Timm gehört zu den nachdenklichen, reflektierten und vielseitigsten Dichtern der deutschen Gegenwart, hoch geehrt und gefeiert von fast allen Literaturkritikern.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Ratlosigkeit ist auch ein Moment der Freiheit. Man muss sich nur Mühe geben, nicht zynisch zu werden." (Uwe Timm), 20. Januar 2009
Auch mit seinem neuen Roman "Halbschatten" zeigt Uwe Timm, dass er zu Recht zu den besten deutschen Schriftstellern der Gegenwart gezählt wird. Reflektierte er in seinen beiden letzten Bücher das Leben und das Schicksal von Menschen, die er persönlich kannte und dachte über seine Beziehung zu ihnen nach, seinen Bruder bei der Waffen-SS in "Am Beispiel meines Bruders" und den vom Polizisten Kurras 1967 erschossenen Studenten Benno Ohnesorg in "Der Freund und der Fremde" geht es dieses Mal um die Flugpionierin Maria von Etzdorf und ihre große Liebe zu Christian von Dahlem.
Als der Schriftsteller ihr Grab auf dem Invalidenfriedhof in Berlin besucht im Rahmen seiner Recherchen, da erzählt der Friedhofsführer ihm von der großen Liebe der beiden. Anfang der dreißiger Jahre seien sie sich in Japan begegnet, wohin Maria von Etzdorf als erste europäische Fliegerin geflogen war und wo sich Christian von Dahlem in geheimer diplomatischer Mission befand.
Doch auf dem Friedhof, zum Teil in unmittelbarer Nähe zum Grab von Maria von Etzdorf befinden sich noch andere Gräber, auch die von Nazigrößen. Sie anschauend setzt Uwe Timm seine schon in "Am Beispiel meines Bruders" begonnene Geschichtsrecherche fort. Viele Romane und Erzählungen lang hat sie ihn beschäftigt und auch in seinem nächsten Buch, das kann man voraussagen, wird es darum gehen. Bei Timm ist das aber nie trockener Stoff, er schreibt auch nicht mit der Oberlehrerattitüde des Besserwissers, sondern er will erzählend verstehen und auch betrauern und seinen Leser auf diese Reise mitnehmen.
Auch im vorliegenden Buch, das zunächst wie eine Liebesgeschichte daherkommt, geht es um deutsche Geschichte und ihre Aufarbeitung.
Es erzählt von einem Damals, das unter der Erde liegt, das man nicht verklären , sondern immer nur aufs Neue enträtseln kann. Dabei gibt es keine Moral der Geschichte, nach der eine Stimme in Halbschatten" einmal fragt. Sie gibt es nicht. Einem Journalisten hat Uwe Timm dazu gesagt, Ratlosigkeit sei auch ein Moment der Freiheit. Man müsse sich nur Mühe geben, nicht zynisch zu werden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
20 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Hat mich nicht gepackt, 12. März 2009
Tolles Thema! habe ich gedacht. Warum hat sich die junge Fliegerin Marga von Etzdorf, einzige Frau unter lauter Männern, erst 25-jährig 1933 erschossen? Was hat sie zwischen den Toten der preußischen Militärgeschichte, NS-Größen und zivilen Opfern auf dem Berliner Invalidenfriedhof zu suchen? Doch das Buch hat sich mir widersetzt und ich habe keinen wirklichen Zugang gefunden.
Uwe Timm ist einer meiner Lieblingsautoren und auch ich halte ihn für einen der besten Autoren der Gegenwartsliteratur. In "Halbschatten" bleibt er sehr fragmentartig, schwierig zu lesen. Auf dem Berliner Invalidenfriedhof liegt Marga von Etzdorf neben Richthofen, Udet und Mölders begraben. Der "Graue" (Friedhofswärter) berichtet von den Fliegern und von der zierlichen Fliegerin mit kurzen Haaren, die etwas abseits liegt ... Anton Miller (ein Schauspieler und Freund von Marga) mischt sich immer wieder ein und kommentiert unvermittelt.
Schwierig zu lesen, weil Timm ausschließlich in der Ich-Perspektive von allen Personen schreibt. Schwierig zuzuordnen. Bei der Begegnung mit Heydrich wusste ich zunächst überhaupt nicht, wer gemeint ist mit der "guten Erscheinung, auffallend in der schwarzen Uniform. Piepsige Stimme." Timm nennt keinen Namen. Hier muss man sich in der Geschichte schon gut auskennen oder nachschlagen, erhält aber von Timm wenig Anhaltspunkte. Setzt er voraus, dass alle Nazigrößen allgemein bekannt sind?
Die Zwei-Punkte-Wertung ist meine ganz persönliche Meinung zum Buch. Die meisten anderen sehen das anders. Ich kenne etliche Bücher von Timm, die ich sehr gerne gelesen habe: "Der Mann auf dem Hochrad", "Morenga", "Der Freund und der Fremde", "Johannisnacht", "Heißer Sommer", "Der Schlangenbaum", "Rot" - die kann ich alle empfehlen. Dieses hier hat mich nicht gepackt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|