Nach seiner düsteren und atmosphärischen Kurzgeschichtensammlung "Totenkopfring" beschert uns Thomas Greuel mit "Halbleben" nun sein Romandebut, einem Entwicklungsroman. Deshalb so genannt, weil er die Entwicklung einer zentralen Person beschreibt. Nun, was könnte an der Entwicklung einer Person sonderlich spannend sein? Ganz einfach: diese Person ist nicht einfach nur irgend eine Person, sondern ein hoffnungslos misanthropischer Zyniker, der über allem um sich herum drübersteht und - statt sich groß über die oft unheimlich klischeeträchtigen Verhaltensweisen seiner Mitmenschen aufregt - das Treiben kopfschüttelnd beobachtet. Er ist Ideenentwickler für Videospiele und hat mit der von den Medien gedrillten Imagewelt vollends abgeschlossen. Durch seinen extremen Zynismus und sein Misanthropie wird sein Leben zu einer blindwütigen Odyssee, bis die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen. So manches Mal betrachtet er sein Leben wie aus den Augen einer Computerspielfigur, welche vor Entscheidungen gestellt wird.
Als er eines Tages eine Person sieht, die ihn unentwegt anstarrt und ihn mit ihrer Erscheinung mehr als nur verschreckt, beginnt er sich zu fragen, welche Wirkung er selbst eigentlich auf die Außenwelt haben muss. Die Antwort darauf ändert seine Einstellung drastisch: die Person, die ihn so entsetzt hat, ist nichts anderes als sein Spiegelbild. Er entschließt sich, seinen Weg zurück ins Leben zu finden. Doch wie soll er sich in eine Gesellschaft integrieren - ja, auch nur die Idee dazu hegen - wenn er eben diese Gesellschaft so verachtet?
Das Besondere an Halbleben ist der ungewöhnliche, ja fast schon revolutionäre Schreibstil. Greuel verwendet eine Art HTML-Stil, welcher die einzelnen
Gedankensprünge, Storysegmente und Vorstellungen des Charakters voneinander trennt. Anstatt den Storyverlauf auszubremsen, treibt dieses Element die Motivation des Lesers vehement voran, da die wohlgestreuten Gedankenflashs, Anspielungen und Kommentare des Protagonisten die Handlung beträchtlich würzen. Die Welt durch die Augen eines Misanthropen zu betrachten, wird zu einem völlig neuen Erlebnis.
Der Roman kritisiert in dieser aufregenden Form den Einheitsbrei und die Hirnlosigkeit der Medien und bietet Ideenreichtum, intelligenten Humor und viel Zynismus.
Fazit: sehr lesenswert!