Dieser Roman, dessen immerhin beinahe 500 Seiten für die heutige Lesebereitschaft eine ziemliche Herausforderung darstellen können,
besticht durch die atmosphärische Dichte seiner Schilderungen, sei-
ne bemerkenswerte historische Präzision und die psychologische Tie-
fe, mit der vor allem die Hauptfigur gestaltet ist. Darüber hinaus be -
sitzt er, was deutscher Belletristik weitgehend abhanden gekommen
ist: Spannung, die aber nie zum Selbstzweck verkommt. Da Anja Lund-
holm sich immer dazu bekannt hat, von ihren Lesern verstanden zu wer-
den, baut sie auch keinerlei Rezeptionsbarrieren auf: ein auktorialer Er-
zähler, in der Nähe der weiblichen Hauptfigur, Helga Altenberg, positio-
niert, hat die narrativen Fäden sicher in der Hand und berichtet, was der
noch kindlichen Halbjüdin widerfährt, als sie, erst sechzehnjährig, von
ihrer jüdischen Mutter zum Musikstudium nach Berlin geschickt wird.
Der naive Teenager sieht sich einem widerspruchsvollen, jahrelangen
Prozess der Selbstfindung und politischen Reifung ausgesetzt, an dessen
vorläufigem Ende die schmerzliche, aber auch befreiende Erkenntnis
steht, dass der NS-Staat (auch) sie tödlich bedroht und somit nicht mehr
als „Heimat" gelten kann.
Das Buch entfaltet eine sowohl faszinierende als auch bedrückende Sicht
auf die kulturelle Vielfalt der deutschen Metropole, die länger als anderswo
im großdeutschen Hitlerreich erhalten bleibt und erst mit Kriegsbeginn,
1939, für Jahre verlischt. Nach der verlogenen Inszenierung des Olympia-
spektakels von 1936, als SA-Truppen die Inschriften auf den für Arier re-
servierten Parkbänken grün überpinselten und auch sonst jegliche antisemi-
tische Propaganda zu unterbleiben hatte, senkte sich, mit den Schrecken des
Novemberpogroms, 1938 (für mich eine der stärksten Szenen des Buchs),
auch über das nur scheinbar noch florierende Berlin die nazistische Dunkel-
heit.
Nicht minder spannend und erschreckend ist das familiäre Drama der Alten-
bergs. Die aus der „Mischehe" (so der offizielle Terminus) ihrer Eltern er-
wachsenden tragischen Konsequenzen führen Helga sowohl zu einer grund-
sätzlichen Distanzierung von der karrieristischen Kaltschnäuzigkeit ihres
verlogenen „arischen" Vaters als auch auch zu der schmerzlichen Erkenntnis,
dass sie einen anderen Weg gehen muss als ihre Mutter, deren Leben auf er -
schütternde Weise endet. Ihre abenteuerliche Flucht nach Italien ist aber nur ein
erster Schritt der Befreiung.
Es ist deshalb wichtig, dass man „Halb und Halb" als (2.) Teil eines literari -
schen Großprojekts sieht, das insgesamt acht Bücher umfasst und eine authen-
tische Chronik deutscher Geschichte von 1924 - 1947 darstellt, ein Lebenswerk,
über viele Jahre hin entstanden und schwersten äußeren Bedingungen abgerun-
gen. Die vom Verlag Langen Müller in Angriff genommene Konzeption stellt
die in anderer zeitlicher Reihenfolge entstandenen Werke erstmals in eine der
Biographie der Autorin verpflichtete chronologische Ordnung, in der auch sie
selbst „ohne Abstriche" ihr eigenes Schicksal habe erkennen können.