Die Haiku-Antholgie von Jan Ulenbrook (dem Pseudonym für Karl Gerhard Meier, Jahrgang 1909, gestorben 2000) ist wohl das meistverkaufte Haiku-Buch in Deutschland. Das verwundert nicht: Die Sammlung japanischer Dreizeiler - so der Untertitel - ist preiswert, und man kann sie überall mit hinnehmen. Auch ich habe sie bestellt und gelesen, als ich anfing, mich für das Thema zu interessieren und (das ist wohl genretypisch) selber Haiku zu schreiben. Während der Lektüre dieses Reclam-Bändchens fühlte ich mich dann massiv bestätigt: Ich kann's auch.
Was ist nun von diesem Buch geblieben, jetzt, einige Jahre und viele Haiku-Erfahrungen später? Nun, die von Jan Ulenbrook veröffentlichten Texte hatten in mir die Haltung verfestigt, ein Haiku ohne festgelegtes Silbenschema (5-7-5) und strikten Jahreszeitenbezug sei nicht möglich. Füllwörter und Wortverknappungen in diesen kurzlyrisch gemeinten Übertragungen erfüllten also notwendigerweise gesetzte Ansprüche von Zahlen- und Zeilenvorgaben. In die Tiefen des Eigentlichen oder gar des Haiku-Moments bin ich jedoch - wie ich heute weiß - nicht einmal ansatzweise eingedrungen. Ihr Zauber und das Mystische des Haiku an sich sind mir verborgen geblieben. Ja, die Mauern um dieses Besondere sind durch die Lektüre sogar noch höher geworden.
Woran liegt das? Jan Ulenbrook macht sehr deutlich, er habe die Übertragungen aus dem Japanischen heraus erarbeitet und nicht - wie in vielen Anthologien - auf englische Übersetzungen zurückgegriffen. Auf dem Umschlag ist von einer "eng den Originalen folgenden Übersetzung" die Rede. Und auf dem Vorblatt wird deutlich gemacht, dass der Herausgeber aus den Urtexten ausgewählt und übersetzt hat.
Ausgehend davon, dass diese Angaben richtig sind, bleibt für mich festzuhalten, dass die in diesem Büchlein enthaltenen Werke sehr unter dem strengen Silbenschema leiden. Und wer weiß, dass allein das berühmte Frosch-Teich-Geräusch-des-Wassers-Haiku von Basho mindestens einige hundert Varianten in allen möglichen Sprachen und vor allem Erlebniswelten nach sich gezogen hat, wird die Bürde erahnen, die Ulenbrook auf sich nehmen wollte, als er in jedem einzelnen Text nicht nur äußerlich Maß hielt, sondern auch inhaltlich die Naturlyrik nach vorne stellte und viele andere Bedeutungsebenen unzugänglich machte.
Beim Lesen von
Hototogisu ist keine Nachtigall (Fakultatsvortrage Der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultat Der Univ.Wien) und "Das blaue Glühen des Rittersporn" (Hamburger Haiku Verlag) von Andreas Wittbrodt wurde mir klar, dass Ulenbrooks Texte ganz in der Tradition des deutschen Haiku-Gedankens stehen: Demnach waren Autoren und Übersetzer der Inneren Emigration stilbildend - übrigens bis hinein in dieses Jahrtausend und damit auch länger als in den meisten westlichen Ländern und erst recht als in Japan.
Natürlich hatte ich auch einige schöne Leseerfahrungen mit diesem Werk. Haikumomente allerdings enthielten aber auch sie nur selten - trotz der Masse von 852 Dreizeilern. Mein Tipp deshalb: Wer in die Tiefen und die Höhen, in das Innere und das Weite dieser besonderen Gedichte und der japanischen Meister hineinfühlen möchte, ist mit den Büchern von Ekkehard May (unter anderem
Shomon 1: Das Tor der Klause zur Bananenstaude) weitaus besser beraten. Da das Haiku am intensivsten - mancher sagt: nur - in der Muttersprache erfahren werden kann, sollten sich neugierige Leser und Autoren mit der jüngeren deutschsprachigen Haiku-Literatur auseinandersetzen. Vor allem die haiku-heute.de-Jahrbücher von Herausgeber Volker Friebel (unter anderem
Große Augen: Haiku-Jahrbuch 2007) kann ich empfehlen.
Sie und die vielfältigen (Internet-)Aktivitäten deutschsprachiger Haiku-Freunde (unter anderem in der Deutschen Haiku-Gesellschaft) haben in mir weitgehend beiseite geräumt, was die japanischen Dreizeiler von Jan Ulenbrook aufgetürmt hatten. Und weil ich mittlerweile glaube, dass man nicht jeden Fehler selber gemacht haben muss, gibt es eben nur einen Amazon-Stern für dieses Buch.