"Er erntete auf so vielen Feldern, dass ihm auch unversehens so manches Unkraut in die Hände fiel".
(Zitat von Seite 88)
Im Jahre 429 nach Chr. setzten die von den Westgoten bedrängten Vandalen und Alanen unter ihrem König Geiserich von Iulia Traducta (dem späteren Gibraltar) nach Tinigis (heute Tanger) in Nordafrika über. Danach zogen nahezu 20.000 Krieger mit ihren Familien an der afrikanischen Küste ostwärts. Nachdem sie dem weströmischen "comes africae" Bonifatius eine Niederlage bereitet hatten, konnten die Germanen im Jahre 431 nach einer vierzehnmonatigen Belagerung die Stadt Hippo Regius im heutigen Algerien einnehmen. Im darauf folgenden Jahr kam es erneut zu einer Schlacht, bei der die Weströmer zwar vom oströmischen Heermeister Flavius Ardaburius Aspar unterstützt wurden, jedoch erneut eine weitere Niederlage erleiden mussten. Geiserich konnte dem weströmischen Kaiser Valentinian III. den Föderatenvertrag vom 11. Februar 435 mit beachtlichen Gebietsabtretungen abringen und nach der cleveren Einnahme Karthagos (439) im heutigen Tunesien schließlich sein germanisches Königreich auf afrikanischem Boden etablieren.....
.....diese weltgeschichtlichen Ereignisse bilden den Handlungsrahmen für Bernd Hertlings ersten historischen Roman "Habichte über Karthago". Hierbei hat er eine Vielzahl historischer, militärischer, kultureller und religiöser Details eingebaut, die zur Gründung eines germanischen und multikulturellen Staates in Nordafrika geführt haben. Während er die nautischen und diplomatischen Fähigkeiten Geiserichs und die Besonnenheit seiner Krieger angemessen würdigt, bedient er sich auch der umstrittenen Darstellung des Historikers Prokopios von Caesara, wonach die Vandalen vom weströmischen Feldherrn Bonifatius nach Nordafrika gerufen worden seien. Die Verlobung und spätere Heirat von Geiserichs Sohn Hunerich und der weströmischen Kaisertochter Eudokias wurde jedoch, wie auch die anderen historischen Personen, geschickt in die Handlung eingebaut. Die zahlreichen Friedelfrauen des Hasdingers erlauben die Schöpfung eines weiteren Sohnes, des Protagonisten Arwid, der mit der ebenfalls erdichteten Druidin Ceridwen aus Hibernia (= Irland) verheiratet wird. Sein bester Freund Truchthari ehelicht mit Gunhild eine fiktive Nichte Geiserichs. Dies alles bietet reichlichen Stoff für Liebe, Erotik und Verrat....
....bei dessen Darstellung allerdings eine Vielzahl von flapsigen Redensweisen, Floskeln, Anglizismen und Begriffe aus der modernen Umgangssprache auffällig sind. Hierzu eine kleine Auswahl: "Ach Kinder....", (S. 63), "Gott hab in selig" (S. 63), "Fair für alle" (S. 104), "Wenn es hart auf hart geht" (S. 104), "auf Nummer sicher gehen" (S. 121), "Haus- und Hoftheologe" (S. 121), "ein weiterer (S. 142), "wie ein begossener Pudel" (S. 162), "agents provocateurs" (S. 166), "Sozialrevolution" (S. 170), "(Punier)kaff" (S. 170), "wir werden das schon deichseln" (S. 179), "Plausch" (S. 205), "abkopiert" (S. 224), "einen gewaltigen Bock geschossen" (S. 230), "Pergament ist geduldig" (S. 245), "da bleibt einem die Spucke weg" (S. 248) "Luftschlösserbauer, Gewäsch, nachplappern" (S. 288 ff.), "Wirtschaftswachstum und Zicke" (S. 262), "gezinkte Karten und gefilzt" - im Sinne von durchsucht- (S. 268).
Daneben gibt es einige Begriff, die schlicht falsch sind oder falsch verwendet wurden: Die Stadt "Sevilla" (S. 64) hieß damals noch Hispalis. Der griechische Plural von Stigma lautet nicht "Stigmen" (S. 159) sondern Stigmata. Hopliten (S. 189) und (vandalische) Phalangen (S. 224) gab es zur Zeit der Romanhandlung schon lange nicht mehr, denn sie entstammen der Zeit des klassischen Griechenlands.....
.....diese Begriffe wären jedoch als auflockerndes Stilmittel noch zu verkraften. Bei einer Vielzahl von Anachronismen in der direkten Rede oder in den Überlegungen der Akteure, muss man jedoch den Eindruck gewinnen, dass sich der Autor seiner "nimmermüden" Lektorin (S. 462) gegenüber oftmals belehrungsresistent gezeigt hat. Hier einige Beispiele anachronistischer Bonbons des Romans, der im 5. nachchristlichen Jahrhundert spielt: "Schachspieler" (S. 66) und den Begriff "in Schach halten" (S. 123) konnte es noch nicht geben, denn das Strategiespiel sollte erst im 11. Jahrhundert durch die Araber in den Mittelmeerraum gelangen. Das Verb "(sich) trollen" (S. 205) stammt aus dem Mittelhochdeutschen (1050 - 1350). Eine "Porzellanprothese" (S. 106) konnte frühestens im 15. Jahrhundert angefertigt werden, denn erst zu diesem Zeitpunkt gelangte "Porzellan" in den europäischen Raum wurde. Aus dem 16. Jahrhundert stammen: der - im Sinne eines Wertpapieres - "Wechsel" (S. 90), die "Kurtisane" (S. 103), der "Halunke" (S. 351). Das 17. Jh. ist mit "Fidibus" (S. 62), "Haudegen" (S. 123), dem "Troll" (S. 155, 156), einem "Maskenball" (S. 372) und "Strolchen" (S. 393), das 18. Jh. mit "Jux (und Tollerei)" (S. 34), "Detachment" (S. 45, 123) und "Diät" - im Sinne von Schonkost - (S. 72) vertreten. Besonders grotesk sind die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Termini, wie "Schweinehund" (S. 45), "einstürzen wie ein Kartenhaus" (S. 50), "Humanitätsduselei" (S. 52), "Flirt" (S. 137, 230), "Binsenweisheit" (S. 261), "Trottel" (S. 287) und "Snobs" (S. 339). Mit "Maskottchen" (S. 256), "Sesselfurzer" (S. 279) und "knutschend" (S. 379) leistet auch das 20. Jh. seine Beiträge.
Ab Seite 459 gibt ein Glossar, das mit drei Seiten jedoch besonders schmal ausgefallen ist. Eine Erläuterung von "Nekromantikon" (S. 115), "Circumcellionen" (S. 128), "Exsikkose" (S. 139), "Donatisten" (S. 144), "Emporion" (S. 169), "Intestinum" (S. 176), "der Pogrom" - ein russisches Wort! - (S. 181), "Metoiken" (S. 188), "Thanatos" (S. 191), "Angelologie" (S. 197), "Kataphrakten" (S. 224), "Xenie" (S. 256), "Präliminarien" (S. 261), "Tanitriten" (S. 269), "Epiphanie" (S. 272) "Ploiaphesien" (S. 281), "Perpathos" (S. 287), "Tritonen, Adoranten" (S. 293) sucht der in lateinischer und altgriechischer Sprache weniger bewanderte Leser darin vergeblich. Als weitere Materialien wären zudem noch eine historische Karte, Zeittafel oder ein Stammbaum der Hasdingen wünschenswert gewesen.
Trotz der geschilderten Mängel liegt Spannung und Stärke des Romans in der Darstellung der verschiedenen Religionen, Strömungen und Konfessionen. Angefangen bei den Arianern, Athanasiern (Katholiken), Judentum, Donatisten, Pythagoräern, gnostischen, dualistischen und anderen sogenannten ketzerischen Lehren, bis hin zur keltischen Religion und dem Mithraskult. Besonders gelungen sind die theologischen und philosophischen Dispute der Akteure und die gesellschaftlichen Spannungen und Auseinandersetzungen der verschiedenen Konfessionen. Der im Jahre 430 verstorbne Kirchenvater Augustinus wird zwar mehrfach erwähnt, eine Nennung oder gar Erläuterung der manichäischen Lehre und ihren Einfluss auf den Bischof von Hippo Regius fehlt allerdings. Auch die zwischenmenschlichen Interaktion sind dem Autor glaubwürdig gelungen, so dass sein Erstling noch mit 4 Amazonsternen zu bewerten ist und auf eine nachdrücklicher lektorierte und ausgestattete Zweitauflage hoffen lässt.
Auch eine mögliche Fortsetzung der Protagonistenschicksale, z. B. "am Hofe Attilas" könnte wieder spannend werden!