Craig Thompson legt mit dieser Graphic Novel etwas vor, das wahrhaft seinesgleichen sucht. Die Opulenz und der Detailreichtum der Bilder, die Atmosphäre, die Charaktere, die Recherche dahinter, die epische Breite des ganzen Werkes, die Meisterschaft der Illustration - kaum anderes als Superlativen, die man hier vorfindet.
Die Geschichte spielt im (noch) feudalen Orient, es gibt den Sultan mit seinem Harem und seinem Hofstaat auf der einen Seite, und die arme Bevölkerung auf der anderen. Die Moderne steht vor der Tür in Form eines gewaltigen Staudammes, aber auch in Form von Müll, Abgasen, Kanalistaion und Industrie. Doch alles, was wir sonst von 1001 Nacht kennen, ist hier eine glänzende Fassade. Der Sultan ist ein perverser Narziß, die Menschen sind schmutzig, korrupt, feige, und die beiden Hauptfiguren wirken buchstäblich wie Blumen in einer Wüste, wo man sich fragt, woher sie überhaupt noch ihre Lebenskraft nehmen. Es ist regelrecht qualvoll, mitansehen zu müssen, in welch widerwärtiger Umgebung sie sich zurecht finden, welche Grausamkeiten sie erleiden, und welche Perversitäten sie ertragen müssen. Der Kontrast zwischen der Unschuld der Hauptfiguren und der Welt, in der sie leben, in der fast alles gestört und degeneriert ist, macht die Lektüre manchmal geradezu unerträglich. Ein Vater verkauft seine minderjährige Tochter, ein Sultan konsumiert Frauen wie Pralinen (und wirft sie ebenso weg, wenn sie nicht mehr munden), Männer vergewaltigen mit Vorliebe Frauen, die Eunuchen zimmern sich ihre eigens gefühlte Monstrosität in Auserwähltheit um und kastrieren auch ohne weiteres unschuldige Knaben, um ihren Selbstbetrug aufrecht zu erhalten. Gerade weil alles so brillant dargestellt und erzählt ist, wirkt es dermaßen abartig, widerwärtig und verstörend, wie ich es selten bisher gesehen habe, eine Bild- und Wort gewordene Depression vom Feinsten.
Die Geschichten aus Koran, Bibel, Legende, Philosophie und Wissenschaft bilden die Zuflucht in etwas Besseres, doch gerade hier liegt das Problem. Trotz liebvollster, prächtiger Details in Ornamentik, Kalligraphie und betörenden Bildern ist die bösartige Wucht der Realität so groß, dass sich Trost und Hoffnung nicht so recht einstellen möchten. Die Flucht in die Welt des Schönen erscheint, womöglich anders als vom Autor beabsichtigt, vielmehr als eine Lebenslüge, besonders da die Geschichten der gleichen Kultur und Tradition entstammen, wie die Abartigkeiten, die sie hervorgebracht haben. Wo gerade noch im Namen des Korans Kinder zwangverheiratet werden und Frauen als Eigentum des Mannes gezeigt werden, werden aus dem gleichen patriarchal-despotischen Geist heraus Geschichten erzählt, die die Welt letztendlich rechtfertigen, wie sie ist, als habe man sich damit abzufinden - oder, noch schlimmer: es sei doch eigentlich alles doch ganz schön.
Ein großartiges, beeindruckendes, extrem eindringliches Werk, das einen sofort in den Bann zieht, aber Eines absolut nicht ist: schön und heiter. Vielleicht liegt ein "Fehler" des Autors auch darin, dass er ein Buch gezeichnet und geschrieben hat, das einfach noch besser ist als "Habibi": das absolut uneinholbare "Blankets".