Ich habe selten ein so bewegendes, so intensives und zugleich nachdenkliches Buch über unsere heutige multioptionale Konsumkultur gelesen wie Wolfgang Ullrichs Habenwollen. Das Buch ist noch zu neu, um ein Klassiker zu sein, aber es hat das Zeug dazu, einer zu werden!
Auf 206 Textseiten (plus Anhang) geht Ullrich dem Konsum auf den Grund, aber ganz bestimmt nicht - wie viele von uns - auf den Leim! Er erläutert auf kurzweile Art warum wir Waren kaufen, deren Substanz "Zweckmäßigkeit ohne Zweck" verspricht, die uns verjüngen auf ewig, ohne dass wir uns (auf ein Alter) festlegen müssten. Uns stört es auch nicht, wenn ein Produkt einen Widerspruch in sich darstellt, z.B. ein Kaffee, der zugleich als anregend und entspannend angepriesen wird. Was nun? Beides zugleich. Wir suchen uns aus, was wir gerade gerne hätten, was unserer Stimmung am Ehesten entspricht. Ob es Sinn macht? Sinnlos darüber nachzudenken. Zumindest scheint es heute so, denn: Es wird gekauft!
Habenwollen blickt aus 4 Richtungen auf das Phänomen "Konsumkultur" und zeigt auf, wie der Konsum salonfähig und damit zu einem Kulturgut und das sich zum Teil über die Kunst definierende und abgrenzende Bildungsbürgertum durch das Konsumbürgertum abgelöst wurde:
1. Entwicklung (u.a. "Kultur der Fiktionalisierung")
2. Ästhetik (u.a. "Produktwandel", "Virginität" und "Zeitumkehr")
3. Wissenschaftliche Grundlagen (u.a. "Von der Soziologie zur Psychologie")
4. Dimensionen (z.B. "Grenzen der Konsumkultur" und Die "Zukunft des Habenwollens")
Ullrichs Buch öffnet die Augen, macht Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Soziologie, Psychologie, Neurologie, Zaltmans Metaphor Elicitation Technique (ZMET) klar und verdeutlicht die Vorzüge und Nachteile altbekannter Ansätze (z.B. Sinus-Milieustudien) und neuerer Herangehensweisen (z.B. Verfassungsmarketing) zum "besseren Verstehen des Konsumentenverhaltens"; er kritisiert, polarisiert und polemisiert, überlässt es dann aber doch dem Leser, sein eigenes "Gedankengerüst" zu entwickeln.
Mein Fazit: Das (bisher) beste Buch über die Konsumkultur des noch jungen 21. Jahrhunderts und die Wurzeln des Konsums (die keine mehr sind). Statt wollen gilt "Habenmüssen". Mit Ullrichs Buch erhalten Sie, was es heute (nicht nur auf dem Buchmarkt) nur noch selten gibt: "Konsum mit Kultur" (und voller Zweck)!