HAARP von MUSE: gigantisch!
Nun ist es soweit: Muse haben Einzug in die Riesenstadien gehalten! Im vergangenen Sommer spielten sie an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im ausverkauften Londoner Wembleystadium, und nicht nur das Bühnenbild ist gigantisch, auch die Atmosphäre im Publikum und - natürlich - die Musik auf der Bühne. Die drei Jungs spielen sich in Extase, Matthew Bellamy beweist erneut seine schier unglaubliche Stimmkontrolle und man merkt den dreien ihre erfahrene Souveränität aber auch ihren ungeminderten Spaß auf der Bühne an. Vom genialen, wie-die-Faust-aufs-Auge-für-Muse-geeigneten Intro an ("Dance of the Knights" aus Sergej Prokofievs Ballett "Romeo und Julia"; der Hinweis auf Prokofiev fehlt seltsamerweise im Booklet) sind Gänsehaut und Adrenalin so gut wie garantiert. Dass der erste Song der "Black-holes..."-CD ("Take a bow") ebensogut als Closer funktioniert, wie der letzte ("Knights of Cydonia") als Opener, unterstreicht eindrucksvoll die Klasse von Muse, deren Songs je nach Kontext eine andere Wirkung haben können. Einer der Höhepunkte ist meiner Meinung nach "Invincible": was hier nach und nach an Spannung und Energie freigesetzt wird, ist einfach umwerfend (ganz zu schweigen von dem Gitarren-Zauber am Anfang des Songs...)! Auch der bewegende Song "Soldier's poem", den Bellamy allen "unsung heroes" widmet, garantiert einen Kloß im Hals... Der Perfektionismus der Musiker ist spürbar, und so klingen die meisten Songs fast genau wie auf dem Album - dies ist natürlich keine Schwäche, aber es nimmt etwas die Spannung und bleibt hinter den Erwartungen derer zurück, die Muse live bislang immer noch besser fanden als auf den Studioalben. Sehr interessant zu sehen und zu hören ist aber, wie ein paar ältere Songs jetzt, mit einer reiferen Stimme Bellamys, plötzlich anders - aussagekräftiger - klingen, allen voran "Unintended" und "New born".
Kein Song auf HAARP fällt in irgendeiner Weise negativ auf (außer vielleicht "Microcuts", das ein wenig enttäuscht, weil gerade die spektakulär hohen Töne einfach weggelassen werden (bei 2:43); Matts Stimmumfang wird doch nicht etwa mit dem Älterwerden abnehmen? Oder war das etwa Bequemlichkeit?) - und doch will sich bei mir nicht durchgehend die erwartete Begeisterung einstellen. Denn es gibt ein paar kleine aber nicht unbedeutende Kritikpunkte: So finde ich persönlich es sehr schade, dass Bellamy in einigen Songs erstaunlich unklar artikuliert (z.B. "Unintended" und "Hoodoo"), was den Songs einen Teil ihrer Schönheit und Ernsthaftigkeit zu nehmen droht. Ich habe darüber hinaus ein bisschen den Eindruck, dass viele der älteren Songs - wenngleich Klassiker allesamt (neben den bereits genannten noch "Plug in baby", "Hysteria" - siehe Tracklist) - nur deshalb gesungen werden, weil sie den Jubel des Publikums garantieren. Dagegen ist das größte Manko auf HAARP zweifellos das Fehlen so großartiger, neuer und politisch brisanter Songs wie "Assassin", "City of delusion" und "Exo-Politics". Waren hier etwa die Texte zu "gefährlich" für die Masse (siehe "oppose and disagree, destroy demonocracy, shoot your leaders down, I will avenge and justify my reasons with your blood" usw.)?
Über einem derartig hochkarätigen Bombast, wie ihn HAARP bietet, schwebt, wie ein Damoklesschwert, die Gefahr von Überheblichkeit, und obwohl Muse sich auf dieser CD/DVD ungewöhnlich viel an ihr Publikum wenden, es zum Mitklatschen auffordern oder auch mal nur das Publikum singen lassen (wie bei "Time is running out": grandios!), so finde ich es doch bedenklich, wie nah die Souveränität auf der Bühne doch einer leichten Arroganz kommt. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin (und bleibe!) großer Muse-Fan, die drei sind begnadete Musiker und vor allem Bellamy beweist immer wieder ein Talent, das seinesgleichen sucht, sowohl im Hinblick auf die Melodien als auch auf die Texte; aber auf dieser DVD habe ich zum ersten Mal den Eindruck, dass die Lust an der Musik und die Authentizität der drei, die ich bislang immer bewundert habe, zumindest ansatzweise in pure Show ausartet, ganz so, als habe der 'Showbiz' Muse nun doch fest im Griff. Auch die zusätzlichen Musiker, die Muse auf der Bühne unterstützen (und ohne die die meisten Songs vom "Black holes..."-Album wohl nicht aufführbar wären), tragen dazu bei, dass der Eindruck von eher "gemachter" als "gelebter" Musik entsteht (daher von mir "nur" 4 Sterne). Mir persönlich fehlen bei HAARP leider ein bisschen die frische Eleganz des "Absolution"-Konzerts in Glastonbury und die energische Wut der "Hullabaloo"-DVD (am Rande bemerkt: meiner Meinung nach steht die Finsternis eines Hallenkonzerts oder eines Headline-Gigs bei einem Festival Muse viel besser als ein tageslicht-erhelltes Konzert in einer offenen Wembley-Arena...). Trotz all dieser Kritikpunkte ist aber auch HAARP ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht und dessen Kauf sich unbedingt lohnt - nicht nur für Muse-Fans.
Die Special-Edition von HAARP beinhaltet neben CD und DVD (mit kurzem Making-of-Film) auch drei gelungene Fotos der Bandmitglieder sowie ein Fotobooklet, alles zusammen in einer in schwarz,weiß und gold gehaltenen Box, deren schlichte Eleganz das Gesamtkunstwerk HAARP perfekt abrundet.