Der Schweizer H. R. Giger hat den Phantastik-Freunden schon so manche abtraumverseuchte Nacht voller Furcht und Panik beschert. Grund dafür ist das von ihm erdachte Geschöpf, eines der fremdhaftesten und furchterregendsten, das je über die Leinwände der Filmpaläste gekrochen ist: Das ALIEN verbreitet im gleichnamigen Film von Ridley Scott Grauen und Schrecken unter der Besatzung eines Weltraumschiffes. Auch seine Bilder strahlen eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus, obwohl sie bizarre Szenerien beinhalten. Was lag also näher, als diesem genialen Schöpfer von unheimlichen Bildwelten einmal eine Storyanthologie zusammenstellen zu lassen. Der Festa Verlag legt mit dem Band „H.R. Gigers Vampirric" eine hervorragende Sammlung von Kurzgeschichten vor, welche beweist: das wahre Herz der Phantastik schlägt in der Kurzgeschichte.
Schon das einleitende Vorwort von Giger zeigt, wie gut sich der Künstler im Genre auskennt. Alle Kurzgeschichten handeln von Vampiren, wobei sich zeigt, wie unterschiedlich die Herangehensweise an das Thema sein kann. Es gibt nahezu keine schwache Story in der Anthologie, ein Kompliment an Herrn Gigers Geschmack. Leider kann man nicht jeder Geschichte das ihr nötige Wortkontingent widmen, so dass hier eine Auswahl genügen muss.
Es beginnt mit der fein gezeichneten Story „Schwarze Offenbarungen", die eine Verbindung lovecraftscher Elemente (alte, mit einem Fluch belastete Bücher) und dem Vampirmotiv herstellt. Der Protagonist der Geschichte erwirbt drei mysteriöse Bücher, welche er aber zunächst unverständlich findet. Auf einem Spaziergang gelangt er Einlass in einen dunklen Garten, in welchem eine schwarzverschleierte Dame auf einer Bank sitzt - der Auftakt zu einer unheiligen Beziehung...
Malte S. Sembtens „Blutfalter" spielt in einer außergewöhnlichen Szenerie - auf einem Raddampfer mitten auf dem Mississippi. Hier werden Glücksspiele der besonders perversen Art abgehalten: russisches Roulette! Der Held der Geschichte beobachtet einen Herren, der besonders viel Glück zu haben scheint. Doch der wahre Grund seiner Observation liegt in seiner Vergangenheit begründet. Der Protagonist ist ein Vampirjäger, doch sein Opfer ist keinesfalls wehrlos...
Amelia Reynolds Long beginnt ihre Geschichte „Der Untote" auf geradezu klassische Weise. Mit vorsichtig vorgestreckten Klauen nähert sich das Grauen in dieser Story. Alle Elemente einer Vampirgeschichte sind vorhanden: das alte Herrenhaus, der Gang durch die Finsternis in die Gruft hinab, die Enttarnung des Vampirs. Insgesamt ergibt das eine Geschichte, an Hand derer ein Autor den Aufbau einer typischen Vampirgeschichte erlernen kann. Toll geschrieben, voller schöner Bilder.
Ein wenig mehr fantasylastig begegnet uns der Vampir in Robert E. Howards „Der Garten der Furcht". In einer archaischen Vergangenheit wird die Frau des Protagonisten von einem geflügelten Ungeheuer geraubt und er macht sich an die Verfolgung. Mitten in einem merkwürdigen Blumenfeld lässt sich das Monster auf einem hohen Turm nieder und vebirgt die Frau vor den Blicken des Verfolgers. Die Blumen hingegen sind pflanzliche Vampire, die das Monster mittels Menschen füttert. Die Geschichte besticht durch ihre phantasiereiche Darstellung und stilistische Einfachheit, welche hervorragend zum gewählten Setting passt.
Es gäbe noch viele Geschichten zu erwähnen, welche ebenfalls überdurchschnittlich sind. Dem Festa Verlag ist hiermit eine tolle Sammlung gelungen, welche ich jedem Phantastik-Fan ans Herz legen möchte.