Wer Marion Zimmer Bradley ausschließlich als Autorin historisch-phantastischer Romane von solch Meilensteinen wie „Die Nebel von Avalon" oder „Die Feuer von Troia" kennt und von diesem Roman thematisch ähnliches erwartet, ist auf dem falschen Dampfer.
„The Inheritor", wie die Originalausgabe betitelt ist, spielt im San Francisco der frühen 80er Jahre und ist eine Art „Parapsychologie-Thriller".
Das Buch ist sicher keine herausragende Meisterleistung im Werk von Marion Zimmer Bradley (MZB) und für die Verhältnisse der Schriftstellerin allenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen.
Allerdings stelle ich nach der Lektüre der „Hüter der Schatten" mal wieder fest, dass sich für mich persönlich selbst ein mittelmäßiger MZB-Roman wesentlich wohltuender liest als so manch anderes, was heute veröffentlicht wird.
In den USA wurde der Roman bereits 1984 veröffentlicht und während Marions Fantasy- und Science-Fantasy-Romane in einem (der Thematik angepassten) recht zeitlosen Erzählstil verfasst sind, merkt man dem Buch sein Entstehungszeitpunkt an:
Einzelne Ausdrücke klingen ein bisschen altbacken und auch die Tabu- und Moralvorstellungen, mit denen sich die Hauptfigur (eine Psychologin) auseinandersetzt, haben sich seither etwas gewandelt. (Wenngleich MZB schon damals eine sehr weltoffene, liberale Einstellung hatte und dies auch recht deutlich macht).
Im Wesentlichen geht es im Roman um die junge, eher rationell eingestellte Psychologin Leslie, die zusammen mit ihrer jüngeren Schwester lebt, um dieser eine Ausbildung als Konzertpianistin zu ermöglichen.
Zwar haben sich bei ihr früher schon vereinzelt hellseherische Wahrnehmungen bemerkbar gemacht, Leslie verschließt sich jedoch davor.
Als sie mit ihrer Schwester in ein altes Haus zieht, in dem früher eine Parapsychologin gewohnt hat, nimmt ihr Leben eine ungewöhnliche, schließlich sogar dramatische Wendung: Leslie taucht - zunächst ungewollt, schließlich bewusst- immer mehr in die Welt der Parapsychologie ein und muss sich fortan mit Poltergeist-Aktivititäten, prophetischen Träumen und Geistererscheinungen herumschlagen.
Als sie den charismatischen undurchsichtigen Musiker Simon kennenlernt, geraten die Dinge außer Kontrolle.
Im Verlauf der Handlung setzt sich MZB beiläufig auch mit Themen wie Autismus auseinander - meines Wissens ist ihr „Neffe" Autist, vielleicht lag ihr deshalb das Thema am Herzen und sie scheint zu wissen, wovon sie spricht.
Die großen Stärken des Romans sind der Spannungsaufbau, den die Autorin konsequent vorantreibt und am Ende in einem dramatischen Finale gipfeln lässt und die Tatsache, dass sie sich mit den okkulten / parapsychologischen Phänomenen, die sie aufgreift, gut und schlüssig auseinandergesetzt zu haben scheint, was dem Roman eine faszinierende, bildreiche Atmosphäre verleiht.
Gute Unterhaltungsliteratur, die nicht den Anspruch hat, mehr sein zu wollen. Für „Zwischendurch" also durchaus lesenswert!