- Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
- Verlag: Carl Hanser (31. Juli 2000)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3446199144
- ISBN-13: 978-3446199149
- Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 14,9 x 2,4 cm
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Zärtlichkeit und Schmerz
«Hündchen am Wegesrand»: Czeslaw Milosz zieht Bilanz
Nein, ein zorniger alter Mann ist Czeslaw Milosz nicht geworden. Vielleicht war der Rausch der Empörung, in den sich engagierte Intellektuelle wie Max Frisch im Herbst ihres Lebens hineinsteigerten, ja immer auch eine Art Jungbrunnen nach dem Motto: «Ich habe meine Feinde, also bin ich.» Vielleicht aber tobte sich in den Tiraden gegen die «Dämonie» des Bestehenden auch eine tiefere Frustration über das Scheitern des linken Heilsprojektes aus, dem der Realsozialismus trotz seiner moralischen Diskreditierung durch sein blosses Anderssein Halt und Perspektive gegeben hatte. Hoffnung, dies machte spätestens das Jahr 1989 klar, ist wenn überhaupt ein Prinzip, das sich nicht ideologisch vereinnahmen lässt. Viele mussten am Fall der Berliner Mauer klug, Milosz aber konnte daran weise werden. Endlich sollte sich verwirklichen, worauf der 1911 im Vielvölkerraum Litauen geborene polnische Literaturnobelpreisträger seit seinem Gang ins Exil 1951 mit Gedichten, Romanen und Essays hingearbeitet hatte: die Wiedergeburt Osteuropas in Freiheit und Würde, die Auferstehung seines Kindheitsarchipels als europäische Kulturlandschaft.
Aufgeklärte Abgeklärtheit
Nun hat Milosz die Summe gezogen nicht in einem magistralen Wurf, sondern in einer Reihe von Prosaminiaturen, die sich zu einem historischen, weltanschaulichen, aber auch autobiographischen Kaleidoskop fügen. Eine beglückende Wirkung geht von der Lektüre aus: «Hündchen am Wegesrand» erweist sich als eines jener Bücher, von denen man sich im Nachhinein nicht mehr vorstellen kann, es nicht gelesen zu haben. Es birgt Bilder und Träume, Maximen und Reflexionen, Erinnerungen und Geschichten und ist einer aufgeklärten Abgeklärtheit entwachsen, wie man sie selten findet. Leise und lakonisch, heilignüchtern und verspielt, einfach und paradox, poetisch und ironisch kommen die Stücke daher und rühren an basale existenzielle Fragen, die in der Besinnungslosigkeit des heutigen Lebensvollzugs verloren zu gehen drohen: Wer bin ich, und was ist die Welt? Was kann ich wissen, was soll ich glauben? Was ist die Liebe, was der Tod, was Poesie? Was, wenn es keinen Gott gibt?
Angelpunkt aller möglichen Erfahrungen ist für Milosz die Einsamkeit des Individuums nicht zuletzt vor sich selber. «Ich denke, ich bin: das ist sicher, weil unmöglich», eröffnet das von Lew Schestow ins Paradoxe gewendete Cartesianische Selbstbegründungsaxiom den Band, ergänzt durch dessen Verdikt, dass die Wahrheit wohl erfahrbar, aber nicht mitteilbar sei. Die Multiperspektivität moderner Weltwahrnehmung birgt zusätzlich die Verlockung des Defaitismus. Allein, für Milosz kann es ohne die Annahme von Transzendenz keinen zivilisatorischen Zusammenhalt geben. Der Atheist mag die Welt so akzeptieren, wie sie ist human aber macht den Menschen erst das Vermögen, Einspruch zu erheben gegen die Bedingungen der Existenz. Wobei Klage immer nur Anklage sein kann, so dass sich die Idee Gottes als denknotwendig erweist.
Gelebte Religiosität jedoch hat heute einen schweren Stand. Wie die Wahrheit sieht Milosz sie zum «Klischee der Metaphysiker» verkommen. Der Nihilismus, einst einem elitären Kreis von Intellektuellen vorbehalten, ist Kennzeichen der Massenkultur geworden. Von Marx, Nietzsche, Freud sei die «selbstmörderische Leidenschaft» geblieben, «blosszustellen, herabzuwürdigen» mit unabsehbaren Folgen. Denn die «unausgesetzte Abwertung des Menschen, seiner Idee, seiner Natur», kurz, das «notorisch kultivierte Minderwertigkeitsgefühl», zeitige den «unheilvollen Mechanismus der Überkompensation [. . .], den Grössenwahn des Einzelnen und des Kollektivs». Sei früher die Religion das Opium des Volkes gewesen, so liege der Trost nun «im Glauben an das Nichts nach dem Tod». Nur durch die Lossagung von einem göttlichen Gericht habe sich die Geschichte derart in einen Mahlstrom verwandeln können wie im 20. Jahrhundert. Bei allen Vorbehalten gegenüber der Schöpfung aber gemahnt für Milosz zur Demut, dass es «keine bessere auszudenken» gibt. Gerade der Widerspruch in den Erscheinungsformen des Irdischen erzeugt den Reichtum und die Fülle der Existenz. Und ohne die Fallhöhe zwischen Geist und Materie gäbe es auch nicht die Ironie, die es erlaubt, die Aporie der Existenz ins Ästhetische zu wenden und dem Denken spielerisch Souveränität zu verleihen.
Literatur ist für Milosz insofern Ersatzreligion, als sie Lebensfragen aus dem Ghetto der theologischen und philosophischen Fachdiskurse zu erlösen vermag. Wo umgekehrt das Alltagsgeschwätz alles bis zum Überdruss durchgekaut hat, obliegt es der Form, die Inhalte zu retten. Besessen von der Idee, eine «Zauberformel» zu finden, «in der sich die ganze Wahrheit über unsere Existenz verbirgt», wird der Dichter zum Hüter höheren Wissens. Der Preis dafür ist ein Doppelleben, muss er doch, um die Nächsten nicht zu verletzen, so tun, «als ob ihre Welt auch die meinige sei». Die ewige «Maskerade» erlebt Milosz als «schändlich», die Auserwähltheit als Makel. Sein Ich ist ein Anderer. Und doch kann er nicht sein, ohne der Gleichgültigkeit und dem Chaos der Dinge die Sinnhaftigkeit und Ordnung des Werkes entgegenzuhalten. Erst das Alter lockert den Rigorismus des Schaffens und gibt den Blick auf die komische Seite der irdischen Kakophonie frei.
Das Spätzeitliche der Epoche, die Krise des narzisstischen Menschen, der Dichter als Demiurg, die Wirklichkeit als Theater: Das sind die Pole, um die die Stücke kreisen, und dies in schwebenden Gefühlslagen zwischen Hoffnung und Resignation, Utopie und Melancholie, Zärtlichkeit und Schmerz. Die Aura der nächsten Dinge versteht der Autor ebenso zu evozieren wie die Dringlichkeit der letzten. Der Idylle, wie sie eine Traumkutschenfahrt durch Litauen mit seinen vielen «Hündchen am Wegesrand» beschwört, steht die Erfahrung des Horrors gegenüber, der Eindruck, überall dabei gewesen zu sein: «im Zug, der die Häftlinge in die Lager deportierte, in der Stadt, wo man vor Angst zitterte, dass im Morgengrauen die Türglocke ging, im Gefängnis . . .» und gleichzeitig mit der Strategie, zwischen den Zeilen zu schreiben, die Pflicht zur Zeugenschaft verraten zu haben.
Der Weg durch die Extreme
Mag sich Milosz auch immer wieder hinter der Maske des Allgemeinen verbergen, er gibt viel von sich preis. Die eigenen niederen Motive, Kunst zu machen, legt er ebenso dar wie seine Verachtung derer, die sich habituell als Künstler gerieren. Das Literatenmilieu mit seinen Allianzen und Feindschaften erscheint ihm als «getreues Spiegelbild der Menschheit im Allgemeinen». Auch mit der eigenen Rechtschaffenheit ist es nicht weit her, hat er selbst doch das «Tier im Menschen gesucht und gefunden»: «Es gab wohl keine Obsession und keine törichte Idee meiner Zeit, in die ich mich nicht Hals über Kopf gestürzt hätte. Man sollte mich in die Wanne setzen und mich so lange bürsten, bis der ganze Schmutz von mir abgewaschen ist. Und doch: gerade durch diesen Schmutz konnte ich ein Dichter des 20. Jahrhunderts sein.» Ja, die Grausamkeit der Phantasie und der Schaffensdrang scheinen geradezu zusammenzugehören, während umgekehrt die Unerbittlichkeit der Poesie darin besteht, Schmerz in Schönheit, Verzweiflung in Teilnahmslosigkeit zu verwandeln.
Es kann hier nur andeutungsweise gelingen, die Luzidität dieses Alterswerks zu beschreiben. Es ist nicht nur die Tiefe und Breite der Themen, an denen sich oft im Selbstwiderspruch ein «universaler Zweifel» abarbeitet, es ist auch die Fülle der Formen, die es unmöglich macht, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Persönliches amalgamiert sich mit Poetologischem, Historisches mit Zeitdiagnostischem. Vieles wie die Geschichte des Wilden Westens unter Berücksichtigung des Ungeziefers trägt den Kern zu einem ganzen Essay in sich.
Milosz' Leben spannt den mentalen Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert. Kein Wunder, gibt sich einer, der den ewigen Wechsel mehrheitlich als Katastrophe erfahren hat, konservativ. Mit 89 pflegt er ein heiteres Rebellentum, und Bitternis ist eigentlich nur darüber geblieben, im Kampf gegen das kommunistische «Imperium der Lüge» über Jahre als «reaktionärer Wahnsinniger» denunziert worden zu sein. Was bleibt, ist Selbstbescheidung angesichts dessen, »was ihm alles erspart geblieben war». Vor der «Kälte des näher kommenden Gletschers» erlöscht auch der Durst nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Am Ende steht das Staunen darüber, ein Mensch gewesen zu sein und damit ein Angehöriger jener «Gattung, die Gut und Böse erfunden hat, Scham und Schuldgefühl, ekstatische Liebe und abgründigen Hass» aber auch der Stolz, aus dem Innern des Leviathans namens Zivilisation in ein Aussen vorgestossen zu sein. Denn dass der Mensch der Erlösung bedarf, steht für Milosz ausser Frage. «Unerschütterlich und greifbar war in ihm eigentlich nur die Hoffnung», schreibt er. Hätte er die Gabe des Glaubens nicht verloren, müsste man ihn als guten Christen bezeichnen.
Andreas Breitenstein
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