Liebe und Arbeit
Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.
Kahlil Gibran
Jessies Handschuh
Ein freundlicher und mitfühlender Akt
ist oft seine eigene Belohnung.
William J. Bennett
Ich mache jedes Jahr viel Management-Training für die leitenden Mitarbeiter einer landesweiten Drogeriekette. Zu den Schwerpunktthemen unserer Seminare gehört, wie man qualifizierte Mitarbeiter an die Firma bindet - eine echte Herausforderung angesichts der Verdienstmöglichkeiten im Dienstleistungsbereich. In diesen Seminaren frage ich gewöhnlich die Teilnehmer: »Warum sind Sie so lange in der Firma geblieben, bis Ihnen eine leitende Funktion anvertraut wurde?« Cynthia, eine frisch gebackene Geschäftsführerin, ließ diese Frage kurz auf sich wirken und antwortete: »Wegen eines Baseball-Handschuhs für 19 Dollar.«
Sie erzählte daraufhin den anderen Seminarteilnehmern, dass sie ursprünglich den Job als Verkäuferin nur als Zwischenstation auf der Suche nach etwas Besserem angenommen hatte. Nachdem sie zwei oder drei Tage hinter dem Ladentisch gestanden hatte, erhielt sie einen Telefonanruf von ihrem neunjährigen Sohn Jessie. Er brauchte dringend einen Baseball-Handschuh. Sie erklärte ihm, dass sie als allein erziehende Mutter nicht viel Geld habe und von ihrem ersten Gehalt ausstehende Rechnungen bezahlen müsse. Vielleicht aber könne sie ihm den Baseball-Handschuh vom zweiten oder dritten Gehalt zahlen.
Als Cynthia am nächsten Morgen zur Arbeit erschien, bat Patricia, die Geschäftsführerin des Ladens, sie in ein kleines Hinterzimmer, das als Büro diente. Cynthia befürchtete, am Vortag etwas falsch gemacht oder ihr Arbeitspensum nicht erfüllt zu haben. Sie war irritiert und machte sich Sorgen.
Patricia reichte ihr einen Karton. »Ich habe zufällig mitgehört, wie Sie gestern mit Ihrem Sohn gesprochen haben«, sagte sie, »und ich weiß, wie schwer es ist, Kindern gewisse Dinge zu erklären. Hier ist ein Baseball-Handschuh für Jessie, damit er versteht, wie wichtig er für Sie ist, auch wenn Sie erst Rechnungen bezahlen müssen, bevor Sie ihm selbst einen Handschuh kaufen können. Leider können wir gute Leute wie Sie oft nicht so bezahlen, wie wir es gerne täten. Aber wir können uns um gute Leute kümmern, und ich möchte, dass Sie wissen, wie wichtig Sie uns sind.«
Das Beispiel dieser mitfühlenden Geschäftsführerin zeigt deutlich, dass sich die Menschen eher daran erinnern, wie gut sich ihr Arbeitgeber um sie kümmert, als daran, wie gut er sie bezahlt. Eine wichtige Lektion zum Preis eines Baseball-Handschuhs.
Rick Phillips
Die Himmelsleiter emporklettern
Nur der kann das Herz anderer Menschen berühren, der das Mitgefühl hat, das durch Liebe entsteht.
Henry Ward Beecher
Solange ich schon mit Verkaufen zu tun habe, wundere ich mich über schwierige Kunden. Warum sind sie oft so unfreundlich und aggressiv? Wie kann ein normaler Mensch auf einmal jeden Anstand verlieren?
Eines Tages erhielt ich einen Einblick in ihr Denken. Es geschah, als ich mich zufällig im Musikgeschäft meines Mannes aufhielt. Mein Mann war gerade mit einem Kunden beschäftigt, und es war keine andere Bedienung da. Also tat ich das, was jede gute Ehefrau getan hätte, und übernahm den nächsten Kunden.
»Ich suche nach einem bestimmten Lied«, sagte ein knorriger Mann, die abgewetzte John-Deere-Mütze fest über die schütteren grauen Haare nach unten gezogen.
»Das Lied heißt...« Er holte ein schmutziges, zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Jeansjacke, öffnete es, und las: »Stairway to Heaven. Haben Sie es?«
Ich ging zum Notenregal und suchte nach dem Namen. Normalerweise stehen die Noten dort in alphabetischer Ordnung. Heute jedoch waren sie ziemlich durcheinander. Ich suchte mehrere Minuten lang und war mir bewusst, die Geduld des Kunden auf eine harte Probe zu stellen.
»Nein, tut mir Leid, es sieht nicht so aus, als ob wir dieses Stück da hätten.«
Der Mann sackte in sich zusammen, und seine blauen Augen wurden feucht. Seine Frau fasste ihn leicht am Ärmel, als ob sie ihn zurückhalten wollte. Sein schmaler Mund zitterte vor Wut.
»Na, ist das nicht großartig? Und Sie nennen sich Musikgeschäft? Was sind Sie überhaupt für ein Laden? Alle Kinder kennen dieses Lied«, brach es stotternd aus ihm heraus.
»Das mag schon sein, aber wir führen nicht jedes Musikstück, das irgendwann...«
»Jaja, reden Sie nur weiter. Es ist leicht, mit Entschuldigungen zu kommen.« Seine Frau fummelte an seinem Ärmel und murmelte etwas. Sie versuchte ihn zu beruhigen, als sei sie der Stallknecht, der das Pferd davor bewahren wollte, durchzugehen.
Der Mann beugte sich vor und hielt mir seinen knochigen Finger vors Gesicht.
»Sie wollen einfach nicht verstehen, stimmt's? Ihnen ist es egal, was mit meinem Jungen passiert ist. Dass er mit seinem Camaro in den alten Baum gerast ist. Und dass sie sein Lieblingslied bei seiner Beerdigung spielen wollen, und dass er tot ist! Er ist weg! Erst achtzehn und schon nicht mehr da!«
Jetzt erkannte ich auch, was auf dem Blatt Papier stand, mit dem er vor meinen Augen herumfuchtelte. Es handelte sich um das Programm der Beisetzungsfeier.
»Sie wollen einfach nicht verstehen«, murmelte er und ließ den Kopf hängen. Seine Frau legte ihren Arm um ihn und stand schweigend an seiner Seite.
»Ihr Verlust ist unermesslich«, sagte ich mit leiser Stimme, »letzten Monat erst haben wir meinen vierjährigen Neffen zu Grabe getragen. Ich weiß, wie weh das tut.«
Er schaute zu mir hoch. Die Wut verschwand von seinem Gesicht, und er seufzte. »Ist das nicht eine Schande? Eine verfluchte Schande?« Lange Zeit standen wir einfach nur da, ohne einen Ton zu sagen. Schließlich holte er eine abgewetzte Geldbörse aus seiner Hosentasche: »Wollen Sie ein Bild von unserem Jungen sehen?«
Joanna Slan