Hühnergötter sind eine besondere Art von Steinen, die der geistig behinderte Marten Buhrow liebt. Er ist etwas eigen, mag keine Veränderungen, und in der Morgendämmerung geht er den Strand der Insel Hiddensee ab, immer auf der Suche nach interessanten Funden. Vor zwei Jahren hat er mal einen ausgesetzten Säugling gefunden -- und das soll ungeahnte Folgen haben, für ihn und für andere.
Hühnergötter -- damit könnten aber auch die Protagonisten dieses Krimis gemeint sein, oder auch Hiddensee selber: auf den ersten Blick gewöhnlich. Es sei denn, einer wie Marten liest sie auf, weil er einen Sinn für ihre Schönheit hat.
Hiddensee ist eigentlich eine beschauliche kleine Ostseeinsel, ein beliebtes Ferien- und Ausflugsziel im Sommer. Wie auf vielen Inseln sind die Bewohner etwas eigen. Man kennt sich; Geheimnisse vor den Nachbarn lassen sich kaum verbergen. Eine kleine verschlafene Insel eben, friedlich. Normalerweise werden noch nicht einmal Fahrräder geklaut. Aber dann geschieht etwas ungeheuerliches: Die kleine Leonie, nur wenige Monate alt, wird aus ihrem Kinderwagen im Garten entführt, am hellichten Tag, während ihre Mutter nur kurz im Haus war. Niemand hat etwas bemerkt.
Die örtliche Polizei holt Verstärkung vom Festland, die Insel und ihre Bewohner, Einheimische und Gäste, werden überprüft, niemand darf die Insel unkontrolliert verlassen; man verwaltet das unvermeidliche Chaos, so gut es eben geht. Aber das Kind bleibt verschwunden. Bedrängende Fragen kommen auf: Wie lange kann ein Kind ohne Fürsorge überleben? Lebt es überhaupt noch? Und warum wurde Leonie entführt? Während die Urlauber entweder meckern, dass ihnen die Polizei den Urlaub verderbe, oder aber ihre Kinder nicht mehr aus den Augen lassen, hat sich die Sensationspresse schon einen Verdächtigen ausgesucht, nämlich eben jenen Marten Buhrow, der schon einmal einen Säugling gefunden hat. Das passende Foto, das ihn wie ein Monster aussehen lässt, ist auch bald gefunden. Aber Kommissar Schöbel nimmt sich das familiäre Umfeld des Kindes vor, und Pieplow von der örtlichen Polizei hat einen ganz speziellen Kontakt (eigentlich zwei)...
Während die Polizei eine Lynchjustiz an Marten verhindern muss, sucht sie weiter nach der kleinen Leonie. Ein Zufall kommt ihnen schließlich zu Hilfe, und ausgerechnet Marten Buhrow entpuppt sich als hervorragender Beobachter, der sogar das weiß, was der Aufmerksamkeit der anderen Einheimischen entgangen ist...
Die Handlung von "Hühnergötter" wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, und der Leser weiß bald mehr als die Ermittler, ahnt den ein oder anderen Zusammenhang. Allerdings weiß er noch längst nicht alles, und daraus baut sich die Spannung auf. Man erlebt mit der Entführerin des Kindes, wie die Polizei wenige Meter von ihrem Aufenthaltsort entfernt wieder kehrtmacht, weil sie einen Hinweis übersieht; man bekommt aber auch eine Ahnung von ihrem Motiv. Man erlebt die Verzweiflung von Leonies Mutter mit, man nimmt sogar eine fremde Situation aus dem Blickwinkel eines Säuglings wahr, man beobachtet das undurchschaubare hektische Treiben zusammen mit dem völlig verstörten Marten, und man fühlt mit dem Polizisten Pieplow, der vor wenigen Jahren vom lokalen Erzrivalen der Hiddensseer, aus Darß, hierher gekommen ist und eigentlich gern auf Hiddensee bliebe, wenn nur...
Die Handlung ist geschickt aufgebaut; ein wesentliches Strukturmerkmal sind die Verzögerungen, die durch eben jene Perspektivwechsel entstehen. Dazu kommt, dass sich hier zwei verschiedene "Strategien" gegenüberstehen, die der Polizei und die der Entführerin. Man beobachtet eine Art Wettrennen zwischen Jäger und Gejagter und hofft, dass sich irgendwo im Plan der Entführerin ein Haken verbirgt. Dass hier am Ende der Zufall eingreifen muss, schmälert den Lesegenuss nur unwesentlich.
Dabei bleiben die Autoren erfreulich wortkarg, überschütten den Leser nicht mit uninteressanten Details. Gerade dieser spröde Stil (ein gelungener Kontrast übrigens zum emotional aufgeladenen Thema) vermittelt einen guten Eindruck von der örtlichen Mentalität und lenkt den Blick auf Wesentliches, ohne etwas Wichtiges vorzeitig zu verraten.
Dieser knappe Stil schließt auch die Lösung des Falles am Ende ein: Der Leser wird nicht mit der Schilderung langwieriger Ermittlungen gequält, deren Ergebnis er sich ohnehin schon denken kann.
"Hühnergötter" empfiehlt sich unbedingt als gute Unterhaltungsliteratur. Ein solider, spannender Lokalkrimi, dessen Autoren das Lokalkolorit nur dort einsetzen, wo es sinnvoll einsetzbar ist, und deren lakonischer Stil dieses Lokalkolorit treffend widerspiegelt.