Es ist mir schon eine Weile nicht mehr passiert, bei einem Buch von Lachkrämpfen geschüttelt worden zu sein, die meine bessere Hälfte zur Bemerkung veranlasst hat, dass die gemeinsame Bettstatt zu sehr vibriere, um noch an Schlaf denken zu können.
Glücklicherweise war ich im Sommer 1997, als Versace erschossen wurde und Philipp Tingler die Zürcher Szene unsicher machte, in den Ferien und in festen Händen, womit die Gefahr, sich selber wie so viele damals zu Recht und zu Unrecht vielbeachtete Geschöpfe des Zürcher demimonde in einem der hübschen Kabinettstücke wieder zu finden, die sich hier aneinander reihen, auf ein Minimum reduzierte. Nun, Herr Tinglers finsteres Gesicht und seine engen T-Shirts signalisierten ja auch schon jedermann von weitem, dass sich besser nur Übermenschen seiner Radioaktivität nahen sollten, während schwächliche Wesen und tumbe Eingeborene schwerste Mutationen riskierten.
Das Buch ist lustig, ja oft sogar köstlich. Der alte Dativ und Ausdrücke wie mittenmang können einem zwar schon bald auf die Nerven gehen, und die Handlung lassen wir mal lieber beiseite. Ja, es gab sie damals, diese blasierte Sprüngli-Odeon-Dandywelt, die sich in den tieferen Regionen des Homo-Nachtlebens zwar Jungmänner angelte, um dem angekränkelten Elan vital wieder aufzuhelfen, aber sonst nur Verachtung und Spott für die Regenbogenzombies und Augenaufschlagsrehkitze übrig hatten, die auf dem Zürcher Pflaster ihr Glück suchten. Allerdings nicht jeder hatte ein so scharfes Auge für die eigene Widerlichkeit wie Philipp Tingler. Chapeau dem armen Rich, das seit so vielen Jahren mitzumachen!
Nun, warum soll man dieses Stück Pop-Literatur der 90er, im Tüll stockfleckiger Thomas Mann-Prosa nach 10 Jahren wieder hervorkramen? Sicher einerseits aus Nostalgie, denn die Welt, gerade in Zürich, ist seither eigentlich nicht besser geworden. Andererseits wegen der Personenbeschreibungen.
Tinglers ganzes, seither leider nur selten wieder ausgekitzeltes Potential als Schreiber wird hier erkennbar. Wenn Frau Svenja Danzeglocke ein Holzblasinstrument im bunten Festsaal eines Hochbegabten-Ferienlagers der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Italien traktiert, ein Pummel im Kreis des Zürcher Begegnungszentrums Centro am Sihlquai alles auf den Punkt nuschelt, das an dieser Institution nervtötend war, oder Frau Katzensteins Ohren wie aller Federn beraubte Nacktvögel über frohem Partyvolk schweben, ist kein Halten mehr. Hier hat Philipp Tingler meine Sympathie, ja meine Liebe. Seine Prosa ist vielleicht nicht nett und auch nicht sehr tiefschürfend, aber von der Schärfe eines Seziermessers und unendlich wahr.
So bleibt zu hoffen, dass Tingler seit 1997 weiterhin brav sein Tagebuch nachgeführt hat. Fischtal, seine Diss. über Thomas Mann und das Gefunkel der Hochglanzillustriertenartikel, die er seither produziert hat: geschenkt. Tingler ist ein wahres Talent, das sich aus der Geiselhaft, gefallen und von immer weiteren Kreisen der von ihm verachteten Umwelt geliebt zu werden, befreien sollte. Mögen mit Falten, wuchernden Fettpolstern und hängenden Ex-Muskeln im nahenden Prophetenalter ihm wieder die Kräfte zuteil werden, die Unerträglichkeit seiner Zeitgenossen und seiner selbst in formschöne Sätze zu giessen. Wir warten.