Man ist wohl aus besonderem Holz geschnitzt, wenn man bei Kriegsende nicht nur den völligen Zusammenbruch, sondern auch den endgültigen Verlust der Heimat als Vertriebener durchmachen muss, ohne hierdurch auf Dauer in seiner Lebens- oder Schaffenskraft beeinträchtigt zu werden. Dies scheint mir bei dem Autor des Buches der Fall zu sein, der als damals sechzehnjähriger Junge nicht nur den Untergang seiner Heimatstadt Danzig, sondern wegen missliebiger Äußerungen über den Propagandaminister auch eine kurze Inhaftierung im nahegelegenen KZ Stutthof hat verarbeiten müssen. Nach diesen Erfahrungen und auch dem weiteren, an Irrungen und Wirrungen nicht armen Leben des Journalisten erscheint es mir bemerkenswert, dass er sich sein Feuer, seinen "furor teutonicus" sein Unvermögen, sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland zu arrangieren, bis ins hohe Alter bewahrt hat. Chapeau!
Mit der augenscheinlich seiner jüngeren journalistischen Arbeit entstammenden Aufsatzsammlung schreit der 83-jährige geradezu seine Wut auf die herrschende "political correctness" hinaus. Ausgehend von einem Spaziergang durch die Berliner Bronx legt er seine Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Nur beispielhaft sei hier etwa auf die Verteidigung der Gier als des Rechtes auf Wohlstand, das Hinabsinken unserer Kultur in Kitsch und Oberflächlichkeit, die Identifizierung unseres "Wohlstandes" als Quelle jugendlicher Verwahrlosung oder etwa die durch die Medien entfachte Hysterie in Gestalt aufgebauschter Gesundheitsgefahren hingewiesen. Jedes dieser und anderer Probleme, an denen wir gegenwärtig leiden, wird in scharfer, pointierter Form aufbereitet. Jeder Leser, der bemüht ist, auch einmal hinter die Kulissen zu schauen, dürfte wohl von der Richtigkeit der Argumentation oder zumindest deren Diskussionswürdigkeit überzeugt sein. Die auf hellsichtiger Analyse beruhenden Schlüsse kann man nicht stets aber weit überwiegend teilen. Mir ist es etwa unerklärlich, wie ein Mann dieses Intellekts dem gegenwärtigen Kriegseinsatz in Afghanistan auch positive Aspekte abgewinnen kann. Ein deutlicherer Ansatz zur Kritik betrifft allerdings den ausdrücklich in Bezug genommenen Hinweis auf Thilo Sarrazin, hinter dessen wichtigem Buch der Autor dann doch etwas zurückfällt, weil er anders als dieser kaum Vorschläge zur Überwindung unserer gegenwärtigen Krise aufzeigt. Das ebenso zornige Buch des ehemaligen Bundesbankvorstandes erschöpft sich ja gerade nicht in einer zutreffenden Analyse, sondern zeigt durchaus für jedes der von ihm aufgezeigten Probleme die Lösungsmöglichkeiten auf, die bei genügendem Mut unserer Entscheidungsträger auch real umsetzbar wären. Bei Röhl gibt es hierzu schlichtweg nichts, bzw. erscheint mir der alleinige Hinweis auf das positive Vorbild Bayerns doch etwas zu kurz gesprungen. Allein an Bayern wird der Rest der Republik wohl kaum genesen können ...
Wer Sarrazins Bestseller noch nicht kennt, sollte mit dessen Lektüre beginnen. Aber auch Röhls Buch hat mich sehr beeindruckt und verdient eine deutliche Empfehlung. Die beiden zornigen Alten haben sich mit ihren Büchern sehr um Deutschlands Zukunft verdient gemacht, wobei - wie gesagt - das rezensierte Buch etwas hinter Sarrazin zurückbleibt und deshalb nicht die volle Punktzahl verdient.