Kuczok ist nicht Filmkritiker, sondern Schriftsteller, ein Erzähler. In diesem schmalen Bändchen erleben wir ihn als Cineasten, der die Nähe zur existenziellen Erfahrung sucht. Geschichten, die sich in absehbaren Bahnen bewegen, sind seine Sache nicht. Er sucht vielmehr grenzüberschreitende Kunstwerke, weniger im formalen als im inhaltlich-ästhetischen Sinne. Manche Texte sind geschrieben mit einem Film als Ausgangspunkt, andere wiederum nehmen Filme nur als Vorwand für Reflexionen über extreme Gewaltakte, Lügengebäude und "höllische Ideen". Seine Prosa ist sprachliche Jonglage und sicherlich nicht für den Gelegenheitsleser, der auch mal gerne ins Kino geht, um mal was anderes zu sehen. Denn die Filme, die Kuczok erlebt hat, brennen sich ein, sind bisweilen unangenehm wie "Irreversibel" von Gaspar Noe oder "Salo" von Pasolini - letzterer müsste sich wohl mal langsam vor meinen Augen ereignen, aber ich zögere immer noch. Seine Beschreibungen, seine Reaktionen auf Bilder und Töne, sein Weiterdenken und die Verbindungen zur konkreten Welt - denn gute Filme haben immer einen Bezug zum Leben in unserer Zeit, selbst dann, wenn sie im Rokoko angesiedelt sind - das ist in den besten Essays so kunstvoll ausgeführt, dass man diese Sachen sogar mehrmals goutieren kann. Die Filme, die er auseinander nimmt und wieder zusammen setzt dürften nicht alle Leser kennen, zumal nicht jene von Zanussi oder Liv Ullmans "Die Treulosen" nach Bergman, ein Werk, mit dem ich gar nichts anfangen kann, doch mit Kuczok bin ich eventuell wieder bereit dafür. Kuczok spricht über das Sterben, Erfahrungen von Sinnlosigkeit, das Leben als Krankheit und genzenloses Leiden, über "Pornoskopie", er verehrt Filme wie "No Man's Land", und wenn man "Duell auf der Mine" gelesen hat, will man diese Farce selbst sehen. "Was die Künstler machen müssen (...) sind Werke, die so extremistisch sind, dass sie selbst noch für die aufgeschlossensten Ansichten der neuen Machthaber inakzeptabel sind." (Pasolini) Dieses Zitat hat es Kuczok angetan, und seine Suche führt ihn zu Haneke ("Die Klavierspielerin"), Greenaway (die sterbenslangweilige "Bettlektüre", viel lieber wäre mir "Baby of Macon" gewesen, der sehr viel radikaler und aufwühlender ist), überraschenderweise "Dead Man Walking", und sogar "All or Nothing" von Mike Leigh. In diesem Kontext fehlt "Possession", aber womöglich kannte er diese Zerrüttungs-Fantasie von Zulawski bei der Niederschrift seiner Texte nicht. Ein sehr intellektuelles, satzweise sogar mühsames Buch - aber lohnend. Obwohl etwas zu viel Zanussi drin steckt, den mir der 1972 geborene Pole nicht näher zu bringen vermag.