Andreas Schnell in: BREMER, Mai 2003, S. 17.
"Bremen ist nicht gerade eine Stadt, die in der Literatur eine wichtige Rolle spielte, jedenfalls nicht als Schauplatz wie New York oder St. Petersburg. Hella Streicher, die gerade ihren ersten Roman 'Höhere Welten' veröffentlicht hat, findet das so bedauerlich wie ändernswert. [...] So entstand zwischen 1995 und 2000 ein Buch voller Details, Zitate, Sprachwitz, Verweise auf Literatur und Musik und mit Gespür für Melodie und Rhythmus der Sprache. [...] Für BremerInnen gibt es viel wiederzuerkennen [...]. Und auf einer allgemeinen Ebene geben oft satirische Exkurse in die Zeitgeschichte - Kohl-Ära, Wendezeit und erster Golfkrieg - dem Buch ein besonderes Gepräge."
Kurzbeschreibung
"Morgen, endlich! Jaaa! Deutschland balla, balla!" Mit dieser BILD-Schlagzeile und Erinnerungen an die gute alte Bremer Punkzeit im Kopf fährt Andrea zur Arbeit, wo ihr die Esoterikerin Luise begegnet. Obwohl Welten zwischen ihnen liegen, freunden sich die beiden Frauen miteinander an. 'Höhere Welten' ist die Geschichte dieser turbulenten und bald für beide qualvollen Freundschaft, zugleich aber auch eine Geschichte über den deutschen Alltag der 90er Jahre und die Generation derer, die 1968 zu jung und 1989 zu alt waren. Mit dokumentarischer Genauigkeit und satirischem Biß läßt Hella Streicher ihre Protagonistin Andrea von den Irrungen und Wirrungen der Menschen in Bremen, am Bodensee und anderswo berichten, bis hin zu einer düsteren Phantasie über die neuen Menschen in einer Welt am Draht, innerlich leer und getrieben, alle lebendig tot. Damit verweist der zwischen 1995 und 2000 geschriebene Roman auf eine Zukunft, die am 11. September 2001 begonnen hat: die Zukunft unserer Borderlinewelt.
Umschlagtext
Ein Mega-Event jagt den nächsten, dachte ich. Die saturierten Achtundsechziger treten das Erbe von Adenauers Enkel an, die totale Finsternis über Mitteleuropa, das milliardenschwere Millenniumspektakel, der globale Computer-Crash, die EXPO 2000, die nächste Bundestagswahl, aber die Zukunft ist schon lange nicht mehr das, was sie früher einmal war, nun ist der Eiserne Vorhang zerrissen, doch wo sind Einigkeit und Recht und Freiheit, ich sehe sie nirgendwo, denn ein Riß geht mitten durch die Welt, er klafft in den Köpfen und frißt sich weiter, ein Dorn in den Herzen, ein Knirschen unter der Gewalt von tausend Springerstiefeln, das Eigentliche ist unsichtbar, wach auf, wach auf du deutsches Land, du hast genug geschlafen, sang ich aus Leibeskräften und mit ganzer Seele, doch alle schliefen mit offenen Augen, ich sah sie marschieren, die neuen Menschen, einen wie den anderen in einer Welt am Draht, innerlich leer und getrieben, durch den Themenpark hinein in ihren Übermenschenpark, wo alle nur noch Automaten sind und sich niemand mehr seiner antiquierten Menschlichkeit zu schämen braucht, alle sind gleich, alle perfekt, alle sind lebendig tot, aber ich bin ich, ich bin nicht vollkommen, deshalb lebe ich noch immer, dachte ich dankbar, gähnte und ging in die Küche, meine erste richtige Küche! frohlockte ich und griff mir ein Beck's.