Mit Kurt Biedenkopf beginnt Jürgen Leinemann und mit Cem Özdemir hört er auf. Dazwischen liegen 459 Seiten mit 7 Kapiteln (Berliner Republik, Die Weimarer, Die Soldaten, Die Kriegskinder, Die Trümmerkinder, Die Ostdeutschen, Die Hoffnungsträger) in denen Jürgen Leinemann die jeweiligen Politiker und ihre Welt beschreibt. Er kennt sie alle, die einem selbst so vertraut sind, weil man sie so viele Jahre lang erlebt, bekämpft und manchmal auch bewundert hat.
Wer im eigenen (lokalen und regionalen) Umfeld mit offenen Augen sieht, wie sich Persönlichkeiten verändern, denen Macht (und damit Aufmerksamkeit und Lebenssinn) zufällt, der ahnt, was der Höhenrausch in den Menschen an der Macht (und denen drumherum) bewirkt.
Leinemann begleitet sie einfühlsam und geht dabei verständnisvoll mit seinen eigenen Vorurteilen um. Kohl in seiner Dummheit und Selbstbezogenheit wird zu dem, was er immer war und was manche seiner Wähler bis heute nicht sehen wollen, während Menschen wie Theo Weigel in der Darstellung Leinemanns näher scheinen und ihre persönlichen Entwicklungen authentischer. Joschka Fischer kommt auch hier nicht gut weg: Der beliebteste deutsche Politiker (aller Zeiten?) reizt Journalisten, Gegner, Bewunderer und Freunde zu ganz eigenen Zerrissenheiten. Dass ihm die Deutschen 5 Ehen (oder nur 4?) und Prügelszenen mit der Polizei verzeihen, sein miesepetriges Gesicht und seine knarzenden inhaltslosen Beschreibungen hinnehmen und in ihm den authentischsten aller Politiker sehen, das kann auch Leinemann nicht nachvollziehen.
Brandt und Schmidt, Weizsäcker und Herzog, Rau und Merkel, Krause und Thierse (letzteren hält Leinemann wohl für den verlässlichsten), Lafontaine und Schäuble (und viele, viele andere) werden den Lesern, die die meisten von ihnen kennen, von einer anderen Seite präsentiert.
Höhenrausch? Ja, der zeigt sich. Nicht nur bei Möllemann und Barschel.
Politik-Arzt Dr. Leinemann stellt die Diagnose und legt die Ursachen bloß.
Zur Therapie sagt er wenig: Ein starkes persönliches Umfeld wie die Wohngemeinschaft von Henning Scherf? Vielleicht am ehesten die Vierte Gewalt, die Presse. Solange sie so kritisch bleibt (und unkritische Nähe rechtzeitig benennt) wie hier haben wir gute Chancen.
Eine spannendes Reise durch die letzten Jahrzehnte des demokratischen Deutschlands. Wir sind schon ein erstaunliches Volk.