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Höhenangst. Das Buch zum Film.
 
 
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Höhenangst. Das Buch zum Film. [Taschenbuch]

Nicci French , Birgit Moosmüller
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (44 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Alice Loudon, ein nettes britisches Mädchen, führt ein gewöhnliches, doch glückliches Leben: Tagsüber arbeitet sie als wissenschaftliche Forscherin, abends geht sie nach Hause zu ihrem aufmerksamen Freund Jake. Alice ist zufrieden mit ihren Freunden, mit ihrem Partner und mit dem Los, das sie gezogen hat -- bis sie eines Tages auf dem Weg zur Arbeit mit einem gutaussehenden Fremden Blicke austauscht. Als sie später das Büro verläßt, ist er da, und sie geht bereitwillig mit in seine Wohnung, wo sie sich lieben noch bevor sie ihre Namen austauschen.Alices Verhältnis mit Adam entwickelt sich zu einer gegenseitigen Besessenheit, und schließlich verläßt sie Jake, um diesen geheimnisvollen Bergsteiger zu heiraten. Als Alice beginnt, Einzelheiten über Adams dunkle Vergangenheit zu erfahren, entschließt sie sich herauszufinden, wen sie tatsächlich geheiratet hat.

Vielleicht scheint Alices Handeln ein wenig weit hergeholt, aber dank Frenchs bezwingenden Erzählstil erscheint es nicht nur verständlich, sondern geradezu notwendig. Besessenheit ist zwar ein häufiges Thema für einen Thriller, aber in dieser Achterbahnfahrt von einer Geschichte erfüllt French sie mit neuem Leben. --Jenny McLarin -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Die fesselnde Geschichte einer obsessiven Liebe. Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Alice dem Extrembergsteiger Adam begegnet. Erst nach der Heirat beginnt sie, in Adams Vergangenheit zu forschen - und dabei tauchen mehr und mehr beunruhigende Hinweise auf: Was geschah wirklich auf einer seiner Touren im Himalaya, bei der mehrere Teilnehmer auf mysteriöse Art und Weise ums Leben kamen?

Klappentext

Es trifft Alice wie ein Blitz aus heiterem Himmel. An einem Januarmorgen begegnet die junge Frau auf dem Weg zur Arbeit einem Mann mit auffallend blauen Augen - und nichts ist mehr, wie es war. In der Mittagspause wartet Adam schon auf Alice. Wie in Trance folgt sie ihm in ein Apartment in Soho und läßt sich auf eine leidenschaftliche Affäre ein, die sich schon bald zur Obsession steigert. Um mit Adam zusammenzusein, bricht Alice mit ihrer bürgerlichen Existenz. Daß sie nichts über sein bisheriges Leben weiß, stört sie nicht. Doch dann tauchen aus seiner Vergangenheit immer häufiger bedrohliche Schatten auf. Wer ist der Mann. dem sie mit jeder Faser ihres Körpers verfallen ist? Die Geschichte einer amour fou zwischen Leidenschaft und Tod. Ein Psychothriller der Extraklasse, geschrieben von Englands großer neuer Lady of Crime. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Hinter dem Namen Nicci French verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit langem sorgen sie mit ihren Spannungsromanen für Furore. Sie leben mit ihren Kindern in der Nähe von London.Hinter dem Namen Nicci French verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit langem sorgen sie mit ihren Spannungsromanen für Furore. Sie leben mit ihren Kindern in der Nähe von London.

Auszug aus Höhenangst von Nicci French, Birgit Moosmüller. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Alice! Alice! Du bist spät dran!«
Ich hörte ein leises, widerwilliges Grunzen. Erst dann wurde mir bewußt, daß das Geräusch von mir selbst kam. Draußen war es kalt und dunkel. Ich kuschelte mich noch tiefer unter die aufgebauschte Bettdecke und kniff die Augen zusammen, um den schwachen Schimmer des Winterlichts nicht sehen zu müssen.
»Aufstehen, Alice!«
Jake roch nach Rasierschaum. Seine Krawatte war noch nicht gebunden. Ein neuer Tag. Es sind eher die kleinen Gewohnheiten als die großen Entscheidungen, die zwei Menschen zu einem richtigen Paar machen. Jake und ich kannten einander bis ins trivialste Detail. Ich wußte, daß er seinen Kaffee mit mehr Milch trank als seinen Tee, und er wußte, daß ich bloß einen Tropfen Milch im Tee mochte und meinen Kaffee schwarz trank. Er konnte mit sicherem Griff den harten Knoten lokalisieren, der sich neben meinem linken Schulterblatt bildete, wenn ich einen harten Arbeitstag im Büro hinter mir hatte. Ich tat seinetwegen kein Obst in den Salat und er meinetwegen keinen Käse. Was konnte man von einer Beziehung mehr erwarten? Wir waren gerade dabei, uns als Paar einzuspielen.
Ich hatte vorher noch nie mit einem Mann zusammengelebt - zumindest nicht mit einem, mit dem ich eine Beziehung hatte -, und fand es interessant zu sehen, wie beide Partner im Haushalt bestimmte Rollen übernahmen. Als Ingenieur kannte sich Jake unendlich gut mit all den Drähten und Röhren aus, die hinter unseren Wänden und unter unseren Böden verliefen. Ich sagte einmal zu ihm, daß das einzige, was ihn an unserer Wohnung störe, die Tatsache sei, daß er sie nicht eigenhändig auf der grünen Wiese gebaut habe, und er faßte diese Bemerkung nicht als Beleidigung auf. Ich hatte Biochemie studiert, was bedeutete, daß ich fürs Bettenmachen zuständig war und den Mülleimer in der Küche ausleerte. Jake reparierte den Staubsauger, aber ich benutzte ihn. Ich putzte auch das Bad, es sei denn, Jake hatte sich vorher dort rasiert. Da zog ich die Grenze.
Das Seltsame an unserer Aufteilung war, daß Jake die ganze Bügelwäsche erledigte. Er behauptete, heutzutage wüßten die Leute gar nicht mehr, wie Hemden richtig gebügelt würden. Ich hielt das für völlig bescheuert und hätte mit Sicherheit beleidigt reagiert, wenn es nicht so schwer wäre, beleidigt zu sein, wenn man mit einem Drink auf der Couch liegt und fernsieht, während jemand anderer bügelt. Jake holt die Zeitung, und ich lese sie über seiner Schulter, was ihn ziemlich nervt. Wir gehen beide einkaufen, wobei ich aber immer eine Liste mitnehme und alles abhake, während er viel planloser vorgeht und mehr Geld ausgibt als ich. Er taut den Kühlschrank ab, ich gieße die Pflanzen. Er bringt mir jeden Morgen eine Tasse Tee ans Bett.
»Du bist spät dran«, sagte er. »Hier ist dein Tee. Ich gehe in genau drei Minuten.«
»Ich hasse den Januar«, sagte ich.
»Das hast du über den Dezember auch schon gesagt.«
»Der Januar ist wie der Dezember. Bloß ohne Weihnachten.«
Aber er hatte bereits den Raum verlassen. Nach einer schnellen Dusche sprang ich in einen hellbeigen Hosenanzug, bei dem mir die Jacke fast bis an die Knie reichte. Dann bürstete ich mein Haar und drehte es zu einem lockeren Knoten zusammen.
»Du siehst gut aus«, sagte Jake, als ich in die Küche kam. »Ist das neu?«
»Ich habe es schon seit Ewigkeiten«, log ich, während ich mir eine zweite, lauwarme Tasse Tee einschenkte.
Auf dem Weg zur U-Bahn teilten wir uns einen Schirm und versuchten, allen größeren Pfützen auszuweichen. Am Drehkreuz blieben wir kurz stehen. Er klemmte sich den Schirm unter den Arm, nahm mich fest an den Schultern und gab mir einen Kuß.
»Mach's gut, Schatz«, sagte er. Ich wußte, daß er in einem solchen Moment gern verheiratet gewesen wäre. Jake möchte, daß aus uns ein Ehepaar wird. Mit diesen beklemmenden Gedanken beschäftigt, vergaß ich ganz, seinen Gruß zu erwidern. Zum Glück fiel es ihm nicht auf. Er trat auf die Rolltreppe und fuhr mit einer ganzen Schar von Männern in Regenmänteln nach unten. Er sah sich nicht um. Fast war es, als wären wir schon verheiratet.
Ich wollte nicht in die Besprechung. Auch körperlich fühlte ich mich dazu kaum in der Lage. Am Vorabend waren Jake und ich essen gewesen, um Mitternacht nach Hause zurückgekehrt und dann erst gegen halb drei zum Schlafen gekommen. Wir hatten unseren Jahrestag gefeiert - unseren ersten. Es war kein besonderer Jahrestag, aber Jake und ich haben sonst keinen zu feiern. Obwohl wir uns hin und wieder das Gehirn zermartert haben, können wir uns nicht an unsere erste Begegnung erinnern. Wie zwei Bienen, die denselben Bienenstock umschwirren, halten wir uns schon so lange in derselben Umgebung auf. Wir können uns auch nicht daran erinnern, wann wir Freunde geworden sind. Wir gehörten beide zu einer Clique, die mal etwas kleiner, mal etwas größer war. Jake und ich wußten alles über die Eltern, die Schulzeit und das frühere Liebesleben des anderen. Einmal betranken wir uns ganz schrecklich, weil ihn seine Freundin verlassen hatte. Wir saßen unter einem Baum im Regent's Park und leerten gemeinsam eine halbe Flasche Whisky. Dabei war unsere Stimmung mal traurig, mal albern, insgesamt aber ziemlich sentimental. Ich erklärte ihm, daß seine Ex schon noch merken würde, was sie an ihm gehabt habe, woraufhin er einen Schluckauf bekam und mein Haar streichelte. Wir lachten über die Witze des anderen, tanzten auf Partys miteinander, solange die Musik nicht zu langsam wurde, schnorrten Geld voneinander, bildeten Fahrgemeinschaften und erteilten uns gegenseitig Ratschläge. Wir waren Freunde.
Wir konnten uns beide noch an den Abend erinnern, an dem wir zum erstenmal miteinander geschlafen haben. Das war am siebzehnten Januar vergangenen Jahres gewesen. An einem Mittwoch. Ein paar von uns wollten sich im Kino eine Spätvorstellung ansehen. Dann konnten plötzlich mehrere nicht kommen, und als wir uns schließlich im Kino trafen, waren nur noch Jake und ich übriggeblieben. Irgendwann während des Films sahen wir uns an und lächelten ziemlich dümmlich, wahrscheinlich, weil uns beiden klarwurde, daß das Ganze nun auf eine Art Rendezvous hinauslief, und wir uns beide fragten, ob das wohl eine gute Idee war.
Hinterher lud er mich auf einen Drink in seine Wohnung ein. Es war gegen ein Uhr morgens. Er hatte eine Packung Räucherlachs im Kühlschrank und selbstgebackenes Brot. Darüber mußte ich im nachhinein lachen, weil er seitdem nie wieder Brot oder sonst was gebacken hat. Wir gehören zu den Paaren, die von Fertiggerichten leben oder sich irgendwo etwas zum Essen mitnehmen. Als ich ihn an diesem Abend zum erstenmal küßte, fand ich das irgendwie komisch, denn schließlich waren wir schon lange gute Freunde. Ich sah sein Gesicht auf mich zukommen, bis es dem meinen so nahe war, daß seine vertrauten Züge plötzlich fremd wirkten. Am liebsten hätte ich losgekichert oder einen Rückzieher gemacht, nur um den plötzlichen Ernst der Situation zu durchbrechen, diese neue Art von Stille zwischen uns. Aber ich fühlte mich sofort wohl, so als hätte ich mein Zuhause gefunden. Wenn es Phasen gab, in denen mich die Vorstellung, seßhaft geworden zu sein, störte (was war aus meinen Plänen geworden, im Ausland zu arbeiten, Abenteuer zu erleben, eine andere Art von Mensch zu sein?) oder ich mich fragte, ob ich mit meinen knapp dreißig Jahren schon an einem Endpunkt angelangt war, nun, dann schüttelte ich diese Gedanken ab.
Mir ist klar, daß Paare an einem bestimmten Punkt die Entscheidung treffen zusammenzuleben. Es ist eine Station auf dem Lebensweg, wie das Austauschen von Ringen oder das Sterben. Bei uns war das nicht so. Es fing einfach damit an, daß ich hin und wieder über Nacht blieb. Jake stellte mir eine Schublade für Slips und Strümpfe zur Verfügung. Gelegentlich hängte ich auch mal ein Kleid in seinen Schrank. Ich fing an, meine Haarspülung und meinen Eyeliner bei ihm im Bad zu deponieren. Nach ein paar Wochen fiel mir auf, daß etwa die Hälfte der Videos meine Handschrift trug.
Eines Tages fragte mich Jake, ob es denn sinnvoll sei, weiter Miete für mein Zimmer zu bezahlen, wenn ich mich nie dort aufhielte. Ich druckste eine Weile herum, konnte mich aber zu keiner Entscheidung durchringen. Im Sommer kam meine Cousine Julie in die Stadt, um dort bis zum Collegebeginn zu jobben. Ich bot ihr als Übergangslösung mein Zimmer an. Um Platz für ihre Sachen zu machen, mußte ich noch mehr von meinen Dingen ausräumen. Ende August - es war ein heißer Sonntagabend, und wir saßen in einem Pub, von dem aus man quer über den Fluß auf St. Paul's hinüberblicken konnte - fing Julie damit an, uns die Ohren vollzujammern, daß sie sich etwas suchen müsse, wo sie auf Dauer bleiben könne. Ich schlug ihr vor, einfach mein Apartment zu übernehmen. So kam es, daß Jake und ich plötzlich zusammenwohnten und als einzigen Jahrestag unsere erste sexuelle Begegnung zu feiern hatten.
Aber diese Feier hatte ihre Folgen, und wenn man voller Widerwillen zu einer Geschäftsbesprechung geht und befürchtet, sich nicht gut genug präsentieren zu können, sollte man zumindest pünktlich und ordentlich gekleidet dort erscheinen. Das gehört zwar nicht unbedingt zu den zehn Geboten für Manager, aber an jenem dunklen Morgen, an dem mein Magen nichts anderes als Tee vertrug, erschien es mir wie eine Überlebensstrategie. In der U-Bahn versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Ich hätte mich besser vorbereiten sollen, ein paar Notizen machen oder etwas in der Art. Ich setzte mich nicht hin, weil ich hoffte, daß mein neuer Hosenanzug auf diese Weise faltenfrei bleiben würde. Mehrere freundliche Herren boten mir einen Sitzplatz an und wirkten peinlich berührt, als ich ablehnte. Womit würden sich all die anderen Fahrgäste an diesem Tag beschäftigen? Bestimmt würde keiner etwas so Seltsames tun wie ich. Ich war unterwegs in das Büro einer kleinen Abteilung eines sehr großen multinationalen Pharmakonzerns, um im Rahmen einer Geschäftsbesprechung über einen Gegenstand aus Plastik und Kupfer zu reden, der wie eine New-Age-Brosche aussah, in Wirklichkeit aber der unbefriedigende Prototyp eines Intrauterinpessars war.
Ich hatte miterlebt, wie mein Chef Mike zunächst verblüfft, dann wütend, dann frustriert und schließlich verwirrt reagiert hatte, weil wir mit Drakloop IV nicht vorankamen. Drakloop IV war das Intrauterinpessar - von uns kurz IUP genannt -, mit dem der Drakon-Konzern die intrauterine Empfängnisverhütung revolutionieren wollte, falls das Ding je den Weg aus dem Labor schaffen sollte. Ich selbst war sechs Monate zuvor für das Projekt engagiert, mit der Zeit aber immer mehr in einen bürokratischen Sumpf hineingezogen worden: Budgetpläne, Marketingziele, Defizite, regionale Besprechungen, Besprechungen wegen Besprechungen. All das und die unmögliche Hierarchie des Entscheidungsprozesses hatten mich fast vergessen lassen, daß ich als Wissenschaftlerin in ein Projekt eingebunden war, das entfernt mit weiblicher Fruchtbarkeit zu tun hatte. Ich hatte den Job angenommen, weil mir die Vorstellung, ein Produkt zu kreieren und zu verkaufen, wie ein Urlaub von meinem sonstigen Arbeitsleben vorgekommen war.
An diesem Donnerstagmorgen wirkte Mike bloß mißmutig, aber man durfte seine Stimmung nicht unterschätzen. Er war wie eine an den Strand gespülte rostige alte Mine aus dem Zweiten Weltkrieg, die auf den ersten Blick harmlos wirkte, aber durch einen unbedachten Stoß an der falschen Stelle in die Luft gehen konnte. Dieser Stoß würde nicht von mir kommen - nicht heute.
Nacheinander betraten die Leute den Konferenzraum. Ich hatte mir bereits einen Platz gesucht, wo ich mit dem Rücken zur Tür saß, so daß ich einen guten Blick aus dem Fenster hatte. Das Büro lag südlich der Themse in einem Labyrinth schmaler Straßen, die nach Gewürzen und deren fernen Herkunftsländern benannt waren. Hinter unseren Büros erstreckte sich ein Grundstück, das immer kurz davorstand, aufgekauft und saniert zu werden. Vorerst aber wurde es als Sammelstelle für recyclingfähige Materialien genutzt. Als Müllhalde. In einer Ecke türmte sich ein riesiger Berg aus Flaschen. An sonnigen Tagen glitzerte er geheimnisvoll, aber selbst an einem schrecklichen Tag wie diesem hatte ich gute Chancen, den Bagger dabei beobachten zu können, wie er die Flaschen zu einem noch höheren Berg auftürmte. Das war interessanter als alles, was im Konferenzraum C passieren würde. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Drei der anwesenden Männer waren eigens zu dieser Besprechung aus dem Labor in Northbridge angereist. Sie schienen sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dann gab es da noch Philip Ingalls von oben, meine sogenannte Assistentin Claudia und Mikes Assistentin Fiona. Mehrere Leute fehlten. Mike blickte noch mißmutiger drein und zog hektisch an seinen Ohrläppchen. Ich sah aus dem Fenster. Gut. Der Bagger näherte sich dem Flaschenberg. Meine Stimmung besserte sich.
»Kommt Giovanna nicht?« fragte Mike.
»Nein«, antwortete einer der Forscher. Er hieß Neil, glaube ich. »Sie hat mich gebeten, sie zu vertreten.«
Mikes resigniertes Schulterzucken verhieß nichts Gutes. Ich setzte mich gerade hin, machte eine aufmerksame Miene und griff voller Optimismus nach meinem Stift. Die Besprechung begann mit Hinweisen auf die letzte Konferenz und anderen monotonen Routineangelegenheiten. Ich kritzelte ein wenig auf meinem Block herum und versuchte mich dann an einer Skizze von Neils Gesicht, das mich mit seinen traurigen Augen an einen Bluthund erinnerte. Dann blendete ich mich aus und sah dem Bagger zu, der inzwischen mitten in der Arbeit steckte. Leider konnte man durch die Fenster das Geräusch des brechenden Glases nicht hören, aber ich fand es trotzdem höchst interessant. Nur mit Mühe konzentrierte ich mich wieder auf das Gespräch, als Mike nach den Plänen für den Februar fragte. Neil begann über anovulatorische Blutungen zu sprechen. Absurderweise ärgerte es mich plötzlich, daß ein männlicher Wissenschaftler einem männlichen Manager etwas über eine Technologie erzählte, die für die weibliche Anatomie bestimmt war. Ich holte tief Luft, um etwas zu sagen, überlegte es mir dann aber anders und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Recyclingzentrum zu. Der Bagger hatte seine Arbeit beendet und war gerade dabei wegzufahren. Ich fragte mich, wie man wohl an einen Job als Baggerfahrer kam.
»Und was dich betrifft…« Schlagartig wurde ich mir meiner Umgebung bewußt, als wäre ich abrupt aus dem Schlaf gerissen worden. Mike hatte seine Aufmerksamkeit mir zugewandt, und alle verdrehten die Hälse, um ja nichts von dem bevorstehenden Fiasko zu verpassen. »Du mußt das in die Hand nehmen, Alice. In dieser Abteilung liegt einiges im argen.«
Sollte ich mir die Mühe machen, mit ihm zu diskutieren? Nein.
»Ja, Mike«, flötete ich in süßem Ton, gab ihm aber gleichzeitig durch ein Augenzwinkern zu verstehen, daß ich mich von ihm nicht einschüchtern ließ. Sein Gesicht lief rot an.
»Und kann irgend jemand dieses verdammte Licht reparieren?!« schrie er.
Ich blickte auf. Eine der Neonröhren flackerte leicht. Sobald man einmal darauf aufmerksam geworden war, hatte man das Gefühl, als würde einem jemand im Gehirn herumkratzen. Kratz, kratz, kratz.
»Ich mache das«, sagte ich. »Ich meine, ich sorge dafür, daß es gemacht wird.«

Ich saß an einem Bericht, den Mike Ende des Monats nach Pittsburgh schicken wollte. Mir blieb also noch eine Menge Zeit, so daß ich den Rest des Tages ruhig und ohne allzuviel Arbeit verbringen konnte. Eine wichtige halbe Stunde brauchte ich, um zwei Modekataloge durchzusehen. Ich entschied mich für ein Paar hübsche Stiefeletten, einen langen Samtrock, der als »unverzichtbar« beschrieben wurde, und einen kurzen taubenblauen Satinrock. Das würde mich hundertsiebenunddreißig Pfund tiefer in die roten Zahlen stürzen. Nach dem Mittagessen - mit einer netten Pressedame, deren Gesicht von rechteckigen, schwarzgerahmten Brillengläsern dominiert wurde - schloß ich mich in meinem Büro ein und setzte meine Kopfhörer auf.
»Je suis dans la salle de bains«, sagte eine übertrieben fröhliche Stimme in mein Ohr.
»Je suis dans la salle de bains«, wiederholte ich gehorsam.
»Je suis en haut!«
Was bedeutete en haut? Ich konnte mich nicht daran erinnern. »Je suis en haut«, sagte ich.
Das Klingeln des Telefons holte mich aus der sonnigen Welt der Lavendelfelder und Straßencafés zurück ins winterliche Londoner Hafenviertel. Es war Julie, die irgendein Problem mit der Wohnung hatte. Ich schlug ihr vor, mich mit ihr nach der Arbeit auf einen Drink zu treffen. Da sie bereits mit ein paar anderen Leuten verabredet war, rief ich Jake auf seinem Handy an und fragte ihn, ob er Lust habe, ebenfalls ins Vine zu kommen. Mein Arbeitstag war fast geschafft.

Als ich eintraf, sah ich Julie mit Clive an einem Ecktisch sitzen. Hinter ihrem Rücken rankten sich ein paar Kletterpflanzen die Wand hoch. Das Vine versuchte seinem Namen gerecht zu werden.
»Du siehst schrecklich aus«, sagte sie mitfühlend. »Verkatert?« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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