Meine Rezension erschien im Skeptiker - Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken Heft 4/2004:
,,Sex sells" sagt eine alte Faustregel des Marketing. Was liegt also näher, als dem Thema ein ganzes Buch zu widmen? Wer jedoch in Rolf Degens neuestem Werk einen weiteren Beitrag zur Versexualisierung der Medien vermutet, der irrt. Sogar das Cover verzichtet völlig auf nackte Haut. Das Buch beschäftigt sich im Allgemeinen mit Sexualität und im Speziellen mit dem Thema Orgasmus. Grund für eine Besprechung an dieser Stelle sind die zahlreichen Mythen, die das Thema umgeben und die von Degen vorgestellt und widerlegt
werden. In den insgesamt sieben Kapiteln wird ein weiter Bogen geschlagen, von sexueller Lust im Dienste der Reproduktion
über Erkenntnisse aus dem Tierreich und den hirnphysiologischen Korrelaten des Orgasmus. Außerdem
geht es um Sex und Gesundheit sowie um Störungen der Orgasmusfähigkeit und ihre verschiedenen Lösungsansätze.
Im ersten Kapitel beschäftigt sich Degen mit den evolutionären Aspekten der sexuellen Lust. Unbestreitbar nehmen
männliche und weibliche Artgenossen große Kosten und Mühen auf sich, um miteinander in Kontakt zu treten.
Die zeitliche Koordination beim Akt klappt indes nicht immer. Aber für alle Männer, die unter frühzeitigen Ejakulationen
leiden, hat der Autor eine gute Nachricht: Es macht aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn, wenn gerade
(junge) Männer tendenziell früher zum Orgasmus kommen als Frauen, denn dies erhöht die Wahrscheinlichkeit der
Reproduktion. Stellen Sie sich vor, es wäre umgekehrt, und die befriedigte Frau würde den Akt gelegentlich beenden,
bevor ihr Partner seinen Beitrag zur Fortpflanzung leisten konnte. Auch unsere nächsten Verwandten zeichnen
sich in dieser Hinsicht durch Schnelligkeit aus. So ist aus der Primatenforschung bekannt, dass sich untergeordnete
Männchen beim Sex öfter beeilen müssen, damit sie von dem älteren, Ranghöchsten nicht gemaßregelt werden. Das
Thema Orgasmen im Tierreich bringt aber auch Erstaunliches zu Tage. Den männlichen Orgasmus haben Wissenschaftler
dem Autor zufolge schon bei vielen Tierarten entdeckt, jedoch ist ihreSuche nach dem weiblichen Pendant nur
mit bescheidenem Erfolg gekrönt. Doch im Fokus von Degens Betrachtung steht der Mensch. Wie bereits in
seinem provozierenden, im Jahr 2000 erschienenen Lexikon der Psycho-Irrtümer (vgl. Skeptiker 4/2001, S. 205f.)
bekommt auch seinem neuesten Werk die umstrittene Psychoanalyse nach Freud ihr Fett weg. Während Freud
noch behauptete, dass eine glückliche Person nicht phantasiert und sexuelle Tagträume ein klarer Hinweis auf Neurose
und Unzufriedenheit sind, berichtet Degen, dass sich nach zahlreichen empirischen Studien auch diese Aussage
des Wiener Seelendoktors als unhaltbar herausstellte (S.192): Erotische Phantasien sind kein Ventil für Verklemmte
und Unbefriedigte, sondern Ausdruck einer aktiven, von Schuldkomplexen unbehelligten Libido. Doch auch die
Idee der Sublimierung nach Freud wird von Degen auf dem Altar der wissenschaftlichen Erkenntnis geopfert, ebenso
Freuds Dampfkessel-Metapher, nach der die menschliche Libido sich bis zu einem unangenehmen Überdruck
aufstaut, sodass der Mensch nach Abbau giert. Die Erregung erfolgt vielmehr aus dem einfachen Grund, weil
uns das Anfeuern und Zündeln Spaß erschienemacht, nicht weil etwa ein Überdruck
an Triebenergien raus muss. Auch mit dem auf Freud zurückzuführenden Mythos vom vaginalen Orgasmus geht
Degen hart ins Gericht. Demnach wäre eine gesunde und reife Frau allein durch die vaginale Penetration zum Höhepunkt
zu bringen, während die Klitoris nur eine infantile Ersatzbefriedigung bieten könne. Zwar sei diese bei kleinen
Mädchen noch die leitende erogene Zone, die Erregbarkeit ginge aber während des Erwachsenenwerdens von dort auf
die Vagina über. Solche unbegründeten Spekulationen gaben unzähligen Frauen das Gefühl der sexuellen Unzulänglichkeit.
Wie aber kam Freud zu seiner absurden Theorie? Dazu hat Degen eine interessante Vermutung. Seiner Ansicht
nach betrachtete Freud die Natur aus einem idealisierenden Blickwinkel und dichtete ihr gütige Wesenszüge an. In
ihrem Streben nach Wohl und Harmonie verknüpfe die Natur demnach die optimale Befruchtungstechnik (die vaginale
Penetration) auch mit der maximalen Befriedigung. Eine Abweichung vom Ideal wurde
folglich oft als therapiebedürftig diagnostiziert. Zu Unrecht. Die Gleichsetzungdes Guten und Gesunden mit
den Zielen der Natur bezeichnet Degen als einen verführerischen Psychoirrtum.. Die Evolution als Prozess ist weder
gut oder harmonisch noch per se perfektionistisch. Vielmehr greift die Natur bei Bedarf auf Flickwerk, Notlösungen
und Improvisation zurück. Welchen Parawissenschaftler verbindet man noch mit dem Thema Orgasmus?
Natürlich Wilhelm Reich, der den Begriff der Orgon-Energie prägte (Skeptiker 4/1998, S. 148 152). Dieser
kosmische Kraftstrom sei in der ganzen Erdatmosphäre zu finden und entlade sich im Orgasmus. Würde diese
Entladung verhindert, käme es zu Neurosen. Also behandelte Reich seine Patienten, indem er ihre Verklemmtheit
bekämpfte und ihnen zur orgastischen Potenz verhalf. Diese setzte er mit emotionaler Gesundheit gleich. Um die
Orgon-Energie zu sammeln, konstruierte Reich schrankähnliche Kästen, so genannte Orgon-Akkumulatoren. Wissenschaftliche
Anerkennung erntete er damit allerdings nicht, wie Degen ausführt. 1941 stellte Reich ein solches Gerät
Albert Einstein in Princeton vor. Dieser war jedoch nicht beeindruckt, da sich die geringen Temperaturunterschiede
zwischen dem Inneren des Orgon- Akkumulators und der Umgebung auf bekannte Theoreme zurückführen ließen,
sodass die Annahme einer neuen, kosmischen Bio-Energie überflüssig war. Doch auch Reichs psychotherapeutischer
Ansatz wird von Degen kritisiert. Woher wusste der Heiler eigentlich, wann seine Patienten die
orgastische Potenz besaßen? Immerhin beobachtete er sie nicht beim Geschlechtsverkehr wobei aber selbst
dies wenig genutzt hätte, da Reich bis zum Schluss keine Methode zur Messung der orgastischen Potenz lieferte.
Interessant sind auch die dargestellten historischen Hintergründe der Verteufelung der Sexualität vor allem der
weiblichen und ihre Auswüchse. Im 19. Jahrhundert führten diese Vorurteile zu einer Art Massenpsychose. Frauen
waren sexuell meist nicht aufgeklärt und Paare wurden sogar davor gewarnt, die weibliche Lust zu entfesseln, denn
es gebe unbestreitbare Fälle, wo im Augenblick der Ekstase gezeugte Kinder ihr ganzes Leben schwachsinnig und
Idioten blieben (S. 129). Die amerikanische Historikerin Rachel Maines stieß auf eine weitere Skurrilität des 19. Jahrhunderts.
Demnach galt in der Zeit um 1900 die Unterleibsmassage mit Vibratoren als eine akzeptierte Therapie gegen
weibliche Hysterie. Um 1880 wurdedie Erfindung eines elektrischen Vibrators von der Ärzteschaft mit Begeisterung
aufgenommen, da er das mühselige Rubbeln überflüssig machte. Was die Frauen während dieser Therapie
erlebten, wurde nicht etwa als Orgasmus interpretiert, sondern vielmehr als hysterischer Paroxysmus also als
eine heilsame Krise, wie man sie man auch von Fieberkrankheiten her kennt. Zeitgenössischen Quellen zufolge
stammten drei Viertel aller damaligen Ärzte-Einnahmen in den USA aus der Hysteriebehandlung.
Degens Buch gibt einen sehr gelungenEinblick in die Thematik und zeigt, dass auch solch intime Themen genutzt
werden können, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln. Der unterhaltsame Stil und die zahlreichen Informationen
werden durch ausführliche Anmerkungen im Anhang ergänzt. Beides zusammen garantiert eine gleichermaßen
amüsante und fundierte Lektüre.