Es ist schon eine Weile her, seit ich das Buch las. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite faszniert. Ja, es IST hart - das deutet der Titel ja schon an. Und natürlich sollte man sich immer wieder hinterfragen, ob man bei einer solchen Lektüre tatsächlich vom Augenöffnen- und Verstehenwollen geleitet wird oder eher einer Sensationslust aufsitzt, die einen eben weiter ins Rotlichtmillieu führt als der sonntägliche "Tatort". Auch kritische Nachfragen, ob der Autor eines solchen Textes wirklich schonungslose Ehrlichkeit im Sinne hat oder eher auf Sex-and-Crime-Schlagzeilen aus ist und für seine eigenen kriminellen Erfahrungen eine öffentlichkeitswirksame Plattform sucht, sollten nicht ausgespart werden. Zu oft wird unterm behaupteten Deckmäntelchen der Aufklärung und Offenheit die Authenzität von Prostitutions-Storys benutzt, um einen besonderen Kitzel und puren Voyeurismus zu bedienen.
Auch Andreas Marquardt mußte sich diesem Verdacht oft stellen. Denn streckenweise blitzt denn doch sowas wie Stolz aus seinen Beschreibungen hervor, wie er mit sicherer Hand so manche Dame "zur Hure machte, ohne daß sie es merkte", als "harter Kerl" seine Mädels abrichtete und im Gewerbe seinen Mann stand.
Andererseits... ich kann es mir tatsächlich vorstellen, daß es in dieser Subkultur eben SO funktioniert. Wie ein männlicher Rezensent - Fritz Wollny - hier vor mir zugab, daß es ihn durchaus erregte, diese Huren-Abrichtungen literarisch mitzuverfolgen... Und wie diese "Schlampen" für ihn plötzlich zu menschlichen Schicksalen wurden...
Ja. Sowohl die Kerle, die als Luden da landen, jagen einer Selbstbestätigungssehnsucht hinterher, als auch die Frauen und Mädchen, die meist zu spät und zerstört "erwachen".
Das Wertvolle für mich ist das Erleben, daß es sich auch da überall "nur" um Menschen handelt. Mit ihren bitteren Geschichten, Hoffnungen, Sehnsüchten. Die von M. beschriebenen harten Kerle sind ja keine Außerirdischen, sondern fühlende Wesen, die irgendwie SO geworden sind.
Dafür, daß er SO geworden ist, hat er im Knast gesessen. Zu Recht, und das gibt er auch zu. Ebenso, daß das wohl keiner der auch durch ihn zerstörten Frauen in irgendeiner Form gerecht wird. Daß das, was er tat, irreperabel und nicht zu entschuldigen ist.
Frappierend nur, daß ausgerechnet die Frau, wegen der er dann im Knast gelandet ist, ihn eher aus Rache dem Gesetz auslieferte. Aus Machtkampf.
Dennoch wird es deutlich, daß es (wiederum frappierenderweise) für M. der entscheidende "Bruch" war, um über sein Leben nachzudenken. Und die Strafe als solche anzunehmen.
Und das unglaubliche Glück, daß eine seiner Opfer-Frauen ihm ins Leben zurück helfen konnte. Diese Frau bewundere ich zutiefst!
Ich halte das Buch für ehrlich. Mit seiner Faszination für die dunkle Seite, der Schilderungen des Entsetzlichen, der Hintergründe... und der Dankbarkeit für die Chance eines Neuanfangs, die viele der Opfer nicht haben. Das betont Marquardt oft. Er bleibt damit schuldig. Aber er nimmt diese Vorgänge aus dem Fiktiven und macht sie menschlich, im Sinne von nachfühlbar. - Genauso wie mein Vorrenzensent zum Luden könnte ich zur Hure werden, wenn die Vorzeichen für mich so stünden wie für so viele. Die Abgründe sind in uns. In jedem. Mit diesen Dämonen werden wir nur fertig, wenn wir sie anerkennen und benennen.