"Hänsel und Gretel" zählt zu den Opern mit den meisten Einspielungen. Vieles ist gut und vieles - unglaubwürdig. Gerade die Glaubwürdigkeit ist eine Messlatte an der die meisten Interpreten scheitern - jetzt mal ganz abgesehen von der optischen Krücke moderner Inszenierungen à la Thalbach, del Monaco oder Homoki.
Für mich gibt es - neben hervorragenden Einzelleistungen, wie der Hexe Christa Ludwigs oder der Gretel Erna Bergers - drei wirkliche Top-Einspielungen. Um es vorweg zu nehmen: Diese zählt eindeutig dazu! Da ist einmal die legendäre Karajan-Interpretation, gesättigt von Wohlklang und impressionistischer Farbenpracht. Kein anderer Dirigent kommt daran - höchstens noch Luisi, von dem es aber keinen Mitschnitt gibt, den ich aber einmal live erleben durfte. Aber zurück: Wie Karajan die Tempi nimmt, das ist eine Offenbarung! Sein Humperdinckwald lebt und atmet eine Magie und einen Zauber, die beide tief empfunden und beglückt vermittelt werden. Darin bewegen sich Grümmer und Schwarzkopf wie aus dem Märchenbuch entsprungen. Elisabeth Grümmer ist eine wahre Inkarnation. An ihren Hänsel kam und kommt keine andere Interpretin heran. Und wie sich ihre Stimme mit der Gretel von Elisabeth Schwarzkopf vereint, das ist ein Klangwunder. Beim Abendsegen hat man das Gefühl, eine Stimme zu hören, so perfekt harmonieren die Töne. Trotzdem ist die Schwarzkopf keine ideale Gretel: Sie bietet höchste Sanges- und Liedkunst, vermittelt auf einer intellektuellen Ebene, Kindlichkeit, ohne infantil zu sein, sie spielt mit dem Libretto, sie interpretiert, wo die Grümmer einfach nur sie selbst ist - und das ist wahrscheinlich der Knackpunkt: Schwarzkopf spielt - wenn auch auf allerhöchstem Niveau - , die Grümmer aber ist.
Und genauso präsent ist die Grümmer auch in dieser Einspielung. Zusammen mit der Gretel von Erika Köth gibt es zwar kein Klangwunder wie beim Karajan'schen Abendsegen, dafür aber ein Glaubenswunder: Wenn man's nicht besser weiß, glaubt man, zwei Kinder singen da. Voller Anmut, Charme, Frömmigkeit - die ganze Palette wird bedient! Man sieht fernab jeden Klischees bei der Köth direkt die blonden Zöpfe und das rote Dirndl, bei der Grümmer die Lederhose und den Wuschelkopf. Dann erst die Mutter der Marianne Schech! Keine andere Interpretin hat ihre Stimme dermaßen als Waffe eingesetzt: "Und bringt Ihr den Korb nicht voll bis zum Rand, so hau' ich Euch, dass Ihr fliegt an die Wand!" Stahlharter Silberton - da nimmt jeder die Beine in die Hand und flieht ängstlich in den Wald. Doch wie erschöpft und traurig die Schech dabei ist, dass sie solche Drohungen ausspricht - auch das ein Glaubenswunder. Der Vater von Marcel Cordes: Perfekt! Man hört ihm den Schwipps an, spürt seine Lebensfreude, seinen Kummer. "S'war heut' ein heiterer Tag, fandest du nicht auch, lieb Weiheib!" Toll! Res Fischer ist eine stimmgewaltige Hexe, die richtig böse klingt! Ein böses, gefräßiges Weib! Die Stimme ist dunkel, dunkel, dunkel und bestätigt des Komponisten Wunsch als völlig richtig, diese Rolle nie von einem Mann singen zu lassen! Sand- und Taumännchen hadern einmal mit dem Atem, sind aber feinfühlig und sehr filigran. Matzerath dirigiert theatererfahren, rhythmisch, manchmal etwas zu schnell, namentlich beim Taumännchen und der Engelsszene, aber auch er entlockt der Partitur Bilder, die einzigartig sind und bei der Kuckucksszene stellt er selbst Karajan in den Schatten: Da lauert Gefahr im Hintergrund, wie ein Spinnennetz zieht es sich um die Kinder zusammen und sie merken es nicht. Auch sein Hexenritt ist wesentlich diabolischer als bei Karajan oder bei Solti, dem wir die dritte Herzensfassung verdanken. Er schickt Popp und Fassbaender an den Ilsenstein. Beide sind perfekt in den Rollen, doch irgendwie schwingt mir da schon ein wenig zu viel 68er Distanz mit. Die Frömmigkeit kommt nicht mehr so unvermittelt rüber, wie es Humperdinck und seine Librettistin intendierten und wie es in dieser Einspielung als Selbstverständlichkeit vermittelt wird.
Fazit: Zur Zeit meine Lieblingseinspielung der Oper!!! Ein absolutes Muss! Allerdings, die Tonqualität müsste etwas nachgebessert werden. Letzteres ist als Appell und Bitte an die Verantwortlichen zu verstehen - da ließe sich noch mehr rausholen!!!