Sebastian Schneider ist angehender Anwalt und momentan mit einem Fall betraut, der ihm nicht allzu viel Freude bereitet. Doch, dass dies derzeit sein kleinstes Problem sein soll, ist ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Ein Autounfall und ein merkwürdiger Brief sollen sein Leben nahezu komplett auf den Kopf stellen. Während sich auf der einen Seite großes Glück anbahnt, steht auf der anderen großes Unheil.
Alles fängt mit einem Blick in die Vergangenheit an. Ein monströser Riese, der den kleinen Jungen in seinen Träumen heimsucht, und ihn aus den Händen seiner Mutter entreißt.
Dieser anfangs interessante Einblick soll sich im weiteren Verlauf zusammen mit dem Klappentext schnell als verräterisch erweisen. Nach nicht einmal der Hälfte der Spieldauer ist mehr oder weniger alles klar und es geht nur noch darum, wie das Aufeindertreffen in seinen Einzelheiten vonstatten gehen wird. Zwar finden sich darin noch immer einige Überraschungen, doch die richtig großen, die einen atemlos zurücklassen würden, bleiben leider aus. Diese Durchschaubarkeit ist somit auch das größte Manko dieser Geschichte.
Andreas Winkelmann gelingt es ansonsten nämlich hervorragend die Charaktere seiner Geschichte aufzubauen, zu formen und schließlich immer tiefer in einen Tunnel des Grauens steuern zu lassen. Der Hauptfokus liegt hier klar auf Sebastian, an dessen Leben man ab dem Tag X ohne große Unterbrechungen komplett teilnimmt, seine Gedanken, Gefühle und Sorgen teilt.
Allerdings ist man den Protagonisten als Hörer stets ein Stück voraus, da die Hauptlinie der Erzählung immer wieder zugunsten kleinerer Nebenperspektiven aufgebrochen wird. Diese sind in Bezug auf den Spannungsaufbau eher zwiespältig zu betrachten. Zwar sorgen sie zum Teil dafür, dass das Tempo erhöht und die Dramatik gesteigert wird, geben dem Hörer aber auch schon Unmengen an ziemlich eindeutigen Hinweisen, so dass man den Verlauf als Erfahrener im Thriller-Genre recht rasch wird absehen können. Einzig die übernatürliche Komponente sorgt hier nochmals für kleinere Unsicherheiten.
Dadurch, dass man sich stets mitten im Geschehen befindet, statt nur passiver Beobachter zu sein, gelingt es trotzdem über nahezu die gesamte Spieldauer das Interesse hochzuhalten und in entscheidenden Momenten mitzureißen.
Die Story bietet letztlich zwar nichts, was das Thriller-Genre nicht schon in vergleichbarer Weise hervorgebracht hätte, aber damit muss man sich wohl angesichts der gewaltigen Anzahl an verfügbaren Vorlagen abfinden. In der heutigen Zeit kann man das Rad nunmal nur schwerlich neu erfinden, da geht es viel eher darum, Geschichten so zu erzählen, dass sie einen als Hörer mitnehmen. Und das ist Helmut Winkelmann mit Hänschen Klein durchaus gelungen.
Nicht zuletzt mag das auch am Vorleser liegen. Simon Jäger nämlich, einer meiner absoluten Favoriten, wenn es um derlei Stoffe geht. Ihm gelingt es mühelos die einzelnen Charaktere mit weiterer Tiefe zu schärfen und mittels Stimmvariation an verschiedenen Stellen zusätzliche Spannung aufzubauen.
Sehr erfreulich empfand ich zudem den Einsatz der Musikstücke innerhalb dieses Hörbuchs. Zum einen natürlich das wie die Faust aufs Auge passende Hänschen-Klein-Spieluhr-Theme, aber ebenso die weiteren Stücke, welche die oftmals schwüle Atmosphäre auf dem Schneider-Hof ganz prima einfangen konnten.
Fazit: Hänschen-Klein ist ein guter, allerdings nicht bahnbrechender Vertreter im Thriller-Genre mit latent übernatürlichem Einschlag. Vor allem fehlt es an den richtig großen Überraschungen, so dass man den Verlauf als Hörer recht früh erahnen kann. Dank der umfassend dargestellten Protagonisten gelingt es jedoch mit Unterstützung von Simon Jäger nahezu über die gesamte Spieldauer mitzureißen.