Michael Voigt ist der Trader-Community im deutschsprachigen Raum ein Begriff, spätestens seit seinem "Großen Buch der Markttechnik". Braucht es nach diesem enzyklopädischen Fach-Roman noch ein neues Buch? Voigts Verständnis von Trading basiert auf jahrzehntelanger Erfahrung. Längst hat er das kleinkarierte Suchen nach DEM ultimativen Ein- oder Ausstiegssignal hinter sich gelassen, nähert sich dem Handwerk in nahezu philosophischer Art. Seine inzwischen fast fertiggestellte Buchreihe setzt hier an. Es tauchen die alten Protagonisten wieder auf - Philip, Hofner -, dazu neue Charaktere. Nicht jede Figur wird zu einem plastischen Charakter, vieles bleibt umrissen, alles hat einen Zweck. Genauestens zeichnet Voigt die psychologischen Facetten des Händlerlebens. Warum tut sich einer das an? Wo führt das hin? Warum tue ich etwas anderes als ich eigentlich geplant hatte? Wer die Händler-Reihe liest, blickt in die Abgründe der eigenen Seele. Michael Voigt hält dem Leser einen Spiegel vor, ohne belehrend oder arrogant zu wirken. Kein Klischee wird ausgelassen - das Händlerleben im sonnigen Thailand, Cocktails mit Schirmchen in exklusivem Ambiente, die Millionen-Yacht, das Millionen-Konto, Riesengewinne und Monsterverluste, der Anfänger, der Aussteiger. Für wen schreibt man so ein Buch? Offensichtlich nicht für den Einsteiger, der von Markttechnik noch nie etwas gehört hat. Auch nicht für denjenigen, der ein "Mach mich schnell reich"-Buch sucht. Eher für denjenigen, der schon vieles weiß und das meiste probiert hat und sich immer noch wundert, warum all die Rezepte und Anleitungen irgendwie suboptimal funktionieren. Diese Buchreihe ist ein Muß für Trader der Stufe 3 (wie sie Van K. Tharp nennt): Diese haben erkannt, dass der Schlüssel zum erfolgreichen Trading nicht die ultimative Strategie oder der Heilige Gral sind, sondern dass über Erfolg oder Mißerfolg nur einer entscheidet: der Trader selbst. Anfänger werden die Rolle der Psychologie solange nicht verstehen, wie sie die Bauchlandungen nicht selbst durchlitten haben. Wer die Händler-Reihe durch die Brille der eigenen Erfahrungen betrachtet, über dem schüttet sich ein Füllhorn von Ideen, Denkanstößen, Inspirationen aus. Die Fachteile am Ende jedes Bandes vervollständigen das im jeweiligen Buch belletristisch abgehandelte Leit-Thema. Einige Ideen sind dabei bahnbrechend - vielleicht sollte sich Voigt den Begriff des "Rumrutschfaktors" (Band 4) ja urheberrechtlich schützen lassen. Jeder Trader kennt ihn, aber Voigt gebührt das Verdienst, diesem Kind einen Namen gegeben zu haben. Fazit: Fünf Sterne für den Inhalt. Vier Sterne in der Summe deshalb, weil Voigt es im Romanteil streckenweise auf Satzlängen von einer halben Seite bringt. Das erfordert eine immense Konzentration beim Lesen und manchmal kam sich der Rezensent vor, als lese er das Feuilleton der "ZEIT". Nichts für ungut - Michael Voigt will nicht den Literatur-Nobelpreis gewinnen und Marcel Reich-Ranicki wird den "Händler" sicher nie besprechen. Aber Michael Voigt hat der Trader-Gemeinde viel zu sagen und wie er das tut, ist unbestritten phänomenal. Ich freue mich auf Band 6.