Die Barockoper Xerxes von G. F. Händel musste fast zwei Jahrhunderte auf ihre Wiederentdeckung warten, bis sie 1924 bei den Göttinger Händel Festspielen zur Aufführung gelangte. Die Renaissance war freilich ohne gründliche Überarbeitung nicht möglich. Heute gehört Xerxes zu den Händelopern, die am meisten wieder aufgeführt werden. Die Oper hat sich ansonsten durch die Tenorarie "Frondi tenere / Ombra mai fù", die von vielen großen Tenören (teils auch von tieferen Stimmlagen wie z.B. durch Heinrich Schlusnus) in ihr Konzertprogramm aufgenommen wurde, als Largo (eigentlich handelt es sich um ein Larghetto) in Erinnerung behalten.
Mit der historischen Wirklichkeit des Perserkönigs hat die Oper fast überhaupt nichts zu tun.Die Handlung dreht sich um Liebe, Eifersucht und Leidenschaft, wie auch um Intrigen und verletzte Eitelkeit. Von einem "dramma per musica" kann kaum gesprochen werden, weil jedenfalls der dramatische Aspekt doch stark begrenzt ist. Es kommt zu keiner tödlichen Verzweiflungstat, die Handlung findet vielmehr ein glückliches Ende. Xerxes erscheint im Charakterbild nicht als Weichling, sondern als Liebhaber ebenso wie als unberechenbarer und gefährlicher Perserkönig. Aber auch Einwürfe im Sinn von Burleske und Satire fehlen nicht, vor allem durch den etwas dümmlichen Ariodates (Feldhauptmann) und den Diener Elviro (beides Basspartien). Summarisch kann von einer Ansammlung gefälliger Arien und Szenarien ohne Grenzbelastung gesprochen werden. Alle Mitwirkenden können mit ihrem Können glänzen. Lediglich die wenigen Chorstellen sind wenig plastisch abgebildet, was ausschließlich auf Gründen der damaligen Klangtechnik beruht.
Der vorliegenden Aufführung im Herkulessaal der Münchner Residenz im Jahr 1962 ging eine gründliche Vorbereitung voraus, und zwar unter Zugrundelegung einer im Jahr 1958 erarbeiteten Neufassung. Letztere orientiert sich an dem Autograph im British Museum und verfügt über eine ausgezeichnete deutsche Übersetzung. Rafael Kubelik bevorzugte bei der Interpretation eine mittlere Lösung zwischen romantischer Farbmalerei und einer modernen Originalklangverfechtung. Als besonders wohltuend führe ich den Umstand an, dass die Besetzung der Titelpartie und der Partie des Arsamenes (Bruder von Xerxes) mit Tenören erfolgt ist und nicht mit Soprankastraten, wie in der Originalpartitur vorgesehen, oder, wie teils in anderen Produktionen, mit einem Kastraten und einer Altstimme (bzw. Countertenor).
Absolutes Glanzstück ist natürlich Fritz Wunderlich, der in schönen Arien und zahlreichen Duetten den farbigen Reichtum seiner Stimmer entfalten kann. Dabei möchte ich vor allem Frische und Natürlichkeit der Stimme lobend herausstellen, die ganz im Gegensatz zu gelegentlicher wächserner Künstlichkeit, zu der er gelegentlich im späteren Verlauf seines kurzen (Künstler-) Lebens neigte, eindrucksvoll erscheinen. Aber auch der Tenor Naan Pöld hat ein großartiges Zeugnis seines Könnens abgelegt und bereitet große Freude. Eine Altstimme hat nicht immer die dankbarsten Aufgaben zu erfüllen, aber Hertha Töpper macht das denkbar beste aus ihrer Partie und erscheint als würdige Königstochter Amastris mit erotischer Ausstrahlung hinreißend. Eine Augenweide sind natürlich auch die Soprane Jean Cook (Romilda) und Ingeborg Hallstein (Atalanta), die keine Wünsche offenlassen. Karl Christian Kohn (Ariodates) und Max Proebstl (Diener Elviro) runden das wunderbare Solistenensemble ab.
Aber auch die Leistungen von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sowie des Dirigenten Rafael Kubelik sind nicht minder hervorragend. Die Stimmen und das Orchester sind auch für heutige Verhältnisse sehr plastisch abgebildet, vom Orchester sind aber auch keine Klangmassen zu bewältigen, was der damaligen Klangtechnik zugute kommt. Lediglich beim Chor besteht eine kleine Einschränkung, wie schon erwähnt, die sich aber nicht auf die sängerische und musikalische Leistung bezieht. Aber dennoch ist der Aufnahme anzumerken, dass sie nicht neuesten digitalen Standes ist. Daher habe ich einen Punkt abgezogen.