Nach der hervorragenden - wenn auch leider gekürzten - Aufnahme von Händels "Lotario" konnte man sich von "Rodelinda" viel erwarten. Alan Curtis, Il Complesso Barocco, junge Sänger: all das versprach Händelgenuß auf höchstem Niveau, zumal wir in dieser Aufnahme eine Alternativarie des Unulfo, eine normalerweise gekürzte Arie des Bertarido und ein Duett von Rodelinda und Bertarido dazu bekommen, das meines Wissens vorher noch nie aufgenommen wurde.
Und doch, nach mehrmaligem Anhören der 3 CDs (schönes Booklet mit Libretto) muß man schlichtweg sagen: Irgendwas funktioniert hier nicht. "Rodelinda" gehört zu den dramatischsten und spannendsten Opern Händels, aber auf dieser Aufnahme ist wenig davon zu hören. Meines Erachtens liegt dies vor allem an den Sängern, die zwar ihre Arien kompetent vortragen, aber den gesamten Handlungszusammenhang dabei aus den Augen verloren haben. Diese "Rodelinda" ist eine Nummernoper - im negativsten Sinne. Das schwächste Glied im Ensemble ist bedauerlicherweise die Rodelinda selbst, die Sopranistin Simone Kermes, die zwar als Adelaide in "Lotario" eine phänomenale Koloraturtechnik präsentierte, mit der komplexen Psychologie der Rodelinda jedoch vollends überfordert ist. Ihr Gesang ist ausdrucksleer und wirkt gekünstelt (ihre italienische Aussprache hat sich seit der CD "Maga Abbandonata" zwar verbessert, läßt aber immer noch zu wünschen übrig). Positiv auffallend sind Marie-Nicole Lemieux als Unulfo und Sonia Prina als Eduige. Aber die Oper steht und fällt mit der Ausdrucksstärke der Rodelinda und gerade deshalb bleiben hier leider viele Wünsche offen. Es scheint also, als müßte "Rodelinda" immer noch auf eine Aufnahme warten, die diesem Meisterwerk gerecht wird.