Schon in ihrem Artikel in der NZZ zum Händel-Jubiläum hatte Silke Leopold aufhorchen lassen. Sie ist eine der wenigen, die begriffen hat, dass man dem Werk Händels nur wirklich näher kommen kann, wenn man sich klar macht, dass es von einer feudalistischen Weltordnung geprägt ist und alle Verdikte über Händels Opern im Kern aus einem fremden, d.h. bürgerlich-aufklärerischem Blick auf dieses Werk resultieren. Dass uns Händels Werk wieder näher rückt, sieht sie, zu Recht, als ein Zeichen, dass uns gewisse Aspekte der feudalistischen Epoche im gleichen Maße wieder näher rücken indem wir uns vom bürgerlichen Zeitalter entfernen.
In diesem wesentlichen Punkt ist sie auch weit über Winton Dean hinaus, dessen monumentales Werk nach wie vor sehr lesenswert ist, der jedoch noch vollkommen diesen fremden Blick auf Händels Werk hat und alles, was zu viel da capo Arien hat und dramaturgisch nicht moderner linearer Dramaturgie entspricht, den Messias als Ausnahme von der Regel immer ausgenommen, als misslungen brandmarkt.
In der Einleitung zum vorliegenden Buch knüpft sie an diesen Grundgedanken an und kommt auch im Laufe des Buches immer wieder darauf zurück, insbesondere im Kapitel mit einem Plädoyer für die da capo Arie. Gerade in diesem Kapitel räumt sie vollig zu Recht mit dem alten Klischee auf (das einem praktisch in jedem Buch über Händel aufgetischt wird), dass nämlich diese Form ein ungeliebter konventioneller Zwang für Händel und seine Zeitgenossen gewesen sei. Vielmehr sei sie ein ideales Ausdrucksmittel für die Ästhetik und das dramaturgische Empfinden des feudalistisch geprägten Spätbarocks gewesen. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand hätte es einem schon immer seltsam vorkommen können, wie es denn möglich sei, dass sich eine Form, die angeblich so unbeliebt war, in einem kommerziellen Betrieb wie es die Oper in London war, so hartnäckig hat halten können.
Insgesamt bleibt das Buch, trotz vieler weiterer hervorragender Beobachtungen, u.a. über die Frauenrollen und das lieto fine, leider etwas hinter den Erwartungen zurück. Man hätte sich gewünscht, dass Silke Leopold sich weit stärker von wissenschaftlichen Konventionen frei gemacht hätte. Ihr Hang zum systematischen Überbick, zur Anbindung an Quellenbelege und detaillierter Exemplifizierung mögen wissenschaftlichem Ethos geschuldet sein, erweisen sich aber als kontraproduktiv. Denn im Reiche der Kunst geht es selten systematisch zu. Händel hat beim Komponieren sicher nicht an Descartes oder Spinoza gedacht (ob er ihre Werke kannte ist ungewiss, auch wenn er sie als Teil des geistigen Klimas sicher irgendwie aufgenommen hat) oder sich systematische Gedanken gemacht, welchen "Affekt" er jetzt darstellen will. So ist beispielswese die Tonartenwahl (eines der systematischen Kapitel) sicher einerseits gewissen Topoi geschuldet, doch in sehr vielen Fällen eben auch banal pragmatischen Günden (dem Ambitus einer Stimme oder der bequemen Spielbarkeit) oder, und hier wird es mit der Systematik problematisch, gänzlich idiosynkratischen Gründen. Überall wo es um systematische Einordnung oder mit ausführlich beschriebenen Beispielen um den Beleg einer These geht, wird das Buch leider ziehmlich zäh, zumal man zum wirklichen Nachvollziehen eigentlich Noten- und Hörbeispiele vor sich haben müsste.
Und überhaupt ist gerade Händel, der einer der größten Psychologen unter den Musikdramatikern war, ohnehin über alles schematische und systematische hinaus. Er komponierte in erster Linie intuitiv, entwickelte eine Oper oder ein Oratorium ganz aus den inneren Notwendigkeiten der Dramaturgie und der Charaktere. Schon die Vorstellung eine Arie würde einen spezifischen "Affekt" darstellen, engt in ihrer Kategorisierung den Blick ein und übersieht, dass Händel gerade ein Meister der "gemischten", ironisch gebrochenen Gefühlslagen war.
Auch wenn es sicher das bisher wichtigste Buch in diesem Gedenkjahr ist und daher für jeden Händel Interessierten ein Muss, als wirklich gelungen kann ich es leider nicht bezeichnen.