Dieser Ariodante war ganz klar meine CD des Jahres 98 und gleichzeitig auch der Beginn meiner Leidenschaft für Händel-Opern überhaupt. Es ist vorab die Leidenschaft des Dirigenten Marc Minkowski, die sich auf das Orchester, das ganze Ensemble und schliesslich auf den überwältigten Zuhörer überträgt. Die Tempi, die der Dirigent wählt, liegen oft in den Extremen; im Langsamen wie im Schnellen. Doch sie sind immer schlüssig und überzeugend.
Anne Sofie von Otter ist der Star des Abends. Sie brilliert mit makelloser Stimme und unglaublichem Gestaltungswillen und Können. In der Arie „Dopo notte" gegen Ende der Oper verfügt sie immer noch über schier unerschöpfliche stimmliche Reserven, und das in einer Live-Aufnahme. Gerade in dieser Arie wird auch die wichtige Rolle, die das Orchester wahrnimmt, gut hörbar. Minkowski beschränkt sich nicht aufs Begleiten, sondern er ist ein gleichwertiger Partner: Es ist ein stetiges Wechselspiel, in dem mal die Sängerin und mal das Orchester die Führung übernimmt.
Auch die anderen Interpreten singen auf höchstem Niveau, und man kann sagen, dass es in dieser Aufnahme keinen einzigen Schwachpunkt gibt. Speziell erwähnen möchte ich die Stimme von Ewa Podles: eine fast furchteinflössend tiefe Alt-Stimme mit beeindruckenden technischen Möglichkeiten.
Nach dieser CD habe ich die Plattenläden nach weiteren Minkowski-Aufnahmen durchstöbert und dabei viele Überzeugendes gefunden. Den Standard dieser Produktion hat jedoch keine andere Aufnahme erreicht.