Zugeben, das Cover sieht eher nach den Pussy Cat Dolls aus als nach einem Händel-Recital und es war zu befürchten, dass die Optik von Frau de Niese das wesentliche Argument für die CD-Produktion gewesen sein könnte, denn schließlich ist ja seit Netrebko die Tendenz zu erkennen, das Aussehen der Künstler/innen in die Promotion von Opern-CDs massiv einzubeziehen (siehe Garanca, Dasch, Kozena, Florez etc.). Doch in diesem Fall war ich angenehm überrascht: De Niese verfügt über einen schlanken, schnörkellosen, vibratoarmen und beweglichen (lyrischen) Sopran, mit dem sie durchaus in der Lage ist, die unterschiedlichen Emotionen ihrer Heldinnen auszudrücken. So singt sie beispielsweise "Da tempeste" sehr virtuos, gleichzeitig aber auch ausdrucksstark. Auch in den ruhigeren Arien weiß sie zu überzeugen, so ist ihr "Lascia ch'io pianga" von einer tiefen, sehnsuchtsvollen Traurigkeit getragen. Am besten gefällt sie mir jedoch in Medeas Rachearie "Ira, sdegeni, e furore" (aus Teseo), in der sie die verzweifelte Eifersucht überzeugend darzustellen weiß. Ein tolles Rollenporträt!
Grundsätzlich positiv ist auch die abwechslungsreiche Auswahl der Arien hervorzuheben, denn es werden nahezu alle Affekte dargeboten, die in Händels Opern anzutreffen sind (Rache, Traurigkeit, Eifersucht, Verzweiflung etc.). Dies hat zur Folge, dass man die CD in einem Rutsch durchhören kann, ohne dass es langweilig wird (dies ist bei Kozenas Recital nicht der Fall!).
Ein weiterer Pluspunkt der Aufnahme geht an das Dirigat von William Christie: Der Altmeister geht nicht mit übertriebener Hektik ans Werk, sondern wählt die Tempi sehr moderat, aber durchaus akzentuiert. Etwas schwerfällig erscheint mir lediglich die Arie "Myself I shall adore" (Semele), die ein wenig mehr Tempo hätte vertragen können.
Allerdings gibt es auch Kritisches anzumerken:
1. Das Label (Decca) geht mal wieder kein Risiko bei der Repertoireauswahl ein: Viele der Arien sind "Händel-Schlager" und liegen bereits in etlichen guten Aufnahmen vor, sodass der Sinn einer erneuten Einspielung durchaus kritisch hinterfragt werden muss. Gerade für Händel-Fans, die schon alles besitzen, bringt der Kauf deshalb wenig Neues. Liebe Plattenlabels, es gibt auch noch andere tolle Barockkomponisten neben Händel...
2. De Nieses Stimme verfügt leider über kein markantes Timbre und damit auch über keinen sonderlich hohen Wiedererkennungswert. Ferner neigt die Stimme in der Höhe zu einem leicht schrillen Klang und ist im Brustbereich nur recht dünn ausgebildet.
3. Ich hoffe, dass in Zukunft auch weniger attraktiven Sängerinnen noch die Möglichkeit offensteht, CDs aufzunehmen. Die Tendenz zu "Model-Divas" finde ich jedenfalls sehr bedenklich. Das Booklet mit seinen Bildern von de Niese sieht jedenfalls eher nach der "Vogue" als nach einer Klassik-CD aus.
Fazit: Eine insgesamt sehr empfehlenswerte CD, insbesondere für diejenigen, die sich einen Überblick über Händels Opern-Musik verschaffen wollen. Das Booklet ist jedoch gruselig und unter dem Niveau der Künstlerin.