Berliner Zeitung 14.Juli 05
TaxifahrererfahrungenUli Hannemann ist ein Todgeweihter. Zeichen für sein bevorstehendes Ende sind morgendliche Kopfschmerzen, die trotz heilender Kraft des Alkohols kontinuierlich schlimmer werden. Für die "kurze und schmerzerfüllte Episode zwischen Geburt und Tod" hat Hannemann die passende Beschäftigung gefunden. Er ist Taxifahrer. Und er schreibt Texte.Die kann man anhören bei der Lesebühne "L.S.D." ("Liebe statt Drogen"), in der taz oder nun auch in seinem ersten Buch "Hähnchen Leider" nachlesen, dass 66 Geschichten versammelt. Sie handeln meist vom harten Alltag des Taxifahrers, wenn der etwa vier weinende Frauen in Schwarz auf der Rückbank und zwei große Müllsäcke im Kofferraum herumkutschiert. Hier beweist der Erzähler Sinn für das Wesentliche und seine lange Erfahrung im Umgang mit Menschen und legt erst einmal die Death-Metal-Kassette ein.Aber Hannemann kennt auch die Welt außerhalb seiner vier Taxitüren. Und als Neuköllner weiß er, dass Gespräche mit Sätzen wie "Fick doch deine verweste Alte" die "letzten Inseln der Mitmenschlichkeit in einem Meer aus Tränen und Einsamkeit, Kot und Erbrochenen, oder wie Befindlichkeitsfanatiker oft bewundernd sagen: im Kiez" sind
Kurzbeschreibung
Mit Hähnchen leider stellt der Berliner Lesebühnenautor Uli Hannemann eine Sammlung von 66 Geschichten aus 6 Jahren vor, die auf den Lesebühnen LSD Liebe statt Drogen sowie Reformbühne Heim & Welt (bekannt geworden u. a. durch Ahne, Jakob Hein und Wladimir Kaminer) in ihrer Publikumstauglichkeit erprobt wurden. Daneben fanden sich zahlreiche Texte auch in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen, insbesondere der taz. Bedingt auch durch den längeren Zeitraum der Auslese, findet sich in diesem quasi Best of eine ungewöhnliche Vielfalt an Inhalten und stilistischen Annäherungsweisen: Die Vögel können natürlich nicht richtig sprechen. Sie halten stattdessen ganz schnell Schilder hoch, auf denen die Sachen stehen, die ich jetzt in wörtlicher Rede niedergeschrieben habe. (Einer von uns). Neben skurrilen Taxierlebnissen gibt es Urlaubsgeschichten, wahnwitzige Porträts von Städten, Menschen und Tieren, Märchen, Grotesken und vor allem immer wieder Alltag: Hinter mir hatte sich eine lange Schlange gebildet. Sie wand sich und zischte gefährlich. Ich blickte nicht hin. Ich sah lieber zu, wie die Frau ein Stück Putenbrust nach dem andern zerteilte und abwog, bevor sie es in die Theke zurückwarf. Dazu summte sie Bonanza. Die Schlange drohte mich zu beißen. (Pute). Es ist wohl ein klassisches Jungsbuch bei aller Intelligenz und sprachlichen Sorgfalt gerne auch mal flapsig, schmutzig, frech und so liebevoll wie mutwillig inkorrekt. Dennoch ist der Ton angesichts einer großzügigen Dosis Selbstironie niemals ernstlich denunzierend: Was hat denn die da für seltsame Titten?, lästert sie. Wer? Ich drehe mich um. Du glotzt schon wieder! Wie du schon wieder glotzt! Die ist doch gerade mal 20, du Kinderficker! (Stille am Strand)