Man kann Dotschy Reinhardt nur dazu gratulieren, dass sie sich entschlossen hat, die Geschichte ihrer Familie in Buchform mit anderen zu teilen. Dabei stehen die Reinhardts - eine Sintifamilie (nicht nur) aus dem sueddeutschen Raum - sowohl im Mittelpunkt als auch stellvertretend fuer das Schicksal der Sinti in Deutschland (Stichwort: gesellschaftliche Ausgrenzung vor und nach dem Faschismus, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik waehrend der Naziherrschaft). Als besonders aufschlussreich erweisen sich Dotschy Reinhardts Nachforschungen bezueglich ihrer Familiengeschichte wie auch die Beschreibungen aus der Zeit, in der sie aufgewachsen ist - in einer Welt, die grossteils abseits der deutschen "Mainstreamrealitaet" zu finden ist. Aber anders als die Eltern- und Grosselterngeneration verkoerpert die Autorin und Musikerin einen ganz anderen, selbstbewussten Zugang zur Gegenwart in Deutschland - sie fordert Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und verwirklicht ihre beruflichen Ziele als Saengerin einer eigenen Interpretation von Jazz, verwurzelt im Erbe von Django Reinhardt, gleichzeitig modern und individuell. Vor dem Hintergrund der bisher erschienenen Literatur ueber deutsche Sinti - hier sei vor allem Michail Krausnick zu nennen mit seinen Publikationen "Wo sind sie hingekommen?: Die unterschlagene Volkermord an den Sinti und Roma" (1995), "Abfahrt Karlsruhe: Die Deportation in den Voelkermord : ein unterschlagenes Kapitel aus der Geschichte unserer Stadt" (1991) sowie "Da wollten wir frei sein! Eine Sinti-Familie erzaehlt" (1983) - ist Dotschy Reinhardts "Gypsy" meines Wissens nach die erste Veroeffentlichung einer Sintezza der juengeren Generation, autobiographischer gehalten und dennoch nicht weniger politisch als z.B. Romani Roses immens wichtiges Buch "Bürgerrechte für Sinti und Roma" (1980). Wer in Dotschy Reinhardts Buch nach tiefgehenderen Informationen ueber Kultur und Tradition deutscher Sinti sucht, wird eventuell enttaeuscht sein - die Autorin erzaehlt vor allem aus persoenlicher Perspektive und wahrt die Privatsphaere, erlaubt nur kleine Einblicke in das tatsaechliche Familienleben. Angesichts der dramatischen Erfahrungen in der Vergangenheut, die in der Vernichtung vieler Sinti und Roma in den Konzentrationslagern endeten, kann man gut verstehen, dass die Eltern- und Grosselterngeneration nicht danach draengte, im Blickpunkt der Oeffentlichkeit zu stehen, sondern man moechte einfach in Ruhe leben, so wie die meisten Menschen. Die Autorin respektiert diese Einstellung und befuerwortet sie zu gutem Teil, was ihren Ausfuehrungen zum Thema Sprache (Dotschy Reinhardt ist gegen ein oeffentliches Lehrangebot von Romanes, z.B. an Universitaeten) zu entnehmen ist, sowie ihrer Vermeidung einer tiefergehenden Einfuehrung in Kultur und Tradition. Man kann es ihr nicht zum Vorwurf machen, aber diskussionswuerdig ist es dennoch, da gesellschaftliches Verstaendnis auf tatsaechlichem gegenseitigem Kennenlernen beruht und nicht auf gewollter Abschirmung der eigenen Kultur. Selbst nach der Lektuere des Buches weiss man nicht wirklich mehr ueber die Sprache, worin Traditionen bestehen, Verbote, Rituale - es bleibt einem also tatsaechlich nichts anderes uebrig, als selbst Sinti kennenzulernen, um eventuell mehr zu erfahren. Kritisch anzumerken waere noch die offensichtliche Unkenntnis der Autorin (da haette vielleicht auf Verlegerseite ein kundiges Lektorat geholfen) bezueglich der Geschichte der Roma - in Abgrenzung der Sinti von den wesentlich spaeter nach Deutschland eingewanderten Romagruppem (die wiederum aus ganz unterschiedlichen Regionen stammen, von Polen ueber Rumaenien bis zum Balkan und zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten migriert sind) verfaellt sie hier bisweilen auf ziemlich drastische Vereinfachungen, z.B. zitiert sie einen Verwandten mit den Worten, Roma seien orientalisch und nicht-sesshaft. Dieses Zitat soll wohl die eigene Sesshaftigkeit und Verwurzelung in Deutschland bestaerken, aber ist dabei gleichzeitig sehr ignorant und diskriminierend. In Suedpolen z.B. sind Roma bereits seit 300 Jahren sesshaft, ebenso in anderen Regionen der Welt. Man merkt also, es gibt doch einiges an Unwissenheit, wobei man zugestehen muss, dass man nicht von jeder Bevoelkerungsgruppe, die in den "Sinti und Roma"-Topf geworfen wird, erwarten kann, sie sei historisch ueber alles informiert. Aehnlich problematisch die Behauptung der Autorin, Roma spraechen kein Romanes sondern..."Roma". Das mag wohl eine sprachliche Unterscheidung unter Sinti sein, aber sprachwissenschaftlich gesehen gehoeren alle Dialektformen dem Romanes/Romani an, so unterschiedlich sie auch sein moegen. Solche Aussagen koennten unkundige LeserInnen des Buches womoeglich verwirren, wo die allgemeine Informationslage zu "Sinti und Roma" und deren Geschichte bereits eher spaerlich gesaet ist. Hier ist das Bildungswesen gefordert, Buchverlage, die junge Generation von Sinti UND Roma, die Neugierde eines jeden Einzelnen. Noch eine letzte kleine Unklarheit: Dotschy Reinhardt schreibt von "Sinti", die aus Spanien und Portugal nach Suedamerika vertrieben wurden. Es mag sich aber eher um Roma, sehr wahrscheinlich um Kale gehandelt haben.
Trotz der Kritik im Detail, fuer mich ist "Gypsy" ein sehr empfehlenswertes und mutiges Buch! Zur weiteren Lektuere empfehle ich ausserdem die von mir im Text erwaehnten Titel von Michail Krausnick.