Steinbrecht wird gelobt, aber nicht gelesen. Zitiert werden immer Aussprüche, die irgendwie nach Horsemanship klingen, oder das ewige "Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade". Was das heißen soll, kann man Steinbrechts Ausführungen im Kapitel "Die Biegungen des Pferdes" und "Die Hilfen" entnehmen; die "spürbare liebevolle Hingabe" an die Pferde, die eine Rezensentin erwähnte, kann ich hier nicht entdecken. Aber zunächst die Formalien:
1.Gustav Steinbrecht hat niemals ein Buch geschrieben. Autor des Gymnasiums ist Paul Plinzner, der das Werk zum Teil auf der Grundlage Steinbrechtscher Aufzeichnungen, zum Teil ganz aus eigenen Mitteln verfasste.
2.Der Wortlaut des Werkes ist mehrfach geändert worden.
3.Der Bearbeiter der späteren Auflagen, Oberst Hans von Heydebreck, Mitautor der Reitvorschrift des Deutschen Heeres, hat sich veranlasst gesehen, Steinbrecht in Fußnoten zu kommentieren, und zwar immer korrigierend und abmildernd.
Was Oberst v. Heydebreck geändert hat, sind zum Beispiel Begriffe auf wie "scharfer Sporn", "eisenfeste Hand" und "harte Anlehnung", die sich in den ersten Auflagen noch finden. Doch auch in der entschärften Form offenbart das Werk, dass für Steinbrecht (oder Plinzner) die Dressur in wesentlichen Teilen darin besteht, den Widerstand des Pferdes zu brechen.
Steinbrecht spicht von der "Unzulänglichkeit" der weichen Zügelanlehnung für eine höhere Ausbildung der Pferde. Will man über die Kampagneschule hinaus, dann muss das Pferd an den Zügel und in Haltung geritten werden mittels der "festen Anlehnung", bei der "in den schnellen Gangarten oft Oberarm und Ellenbogen einen steten und festen Halt am Körper suchen, um dem vorwärts drängenden Pferd den nötigen Widerstand leisten zu können." Mit Gerte und scharfen Sporen treibt der Bereiter kräftig voran, um durch "das stete Aushalten mit festgeschlossener Faust" das junge Pferd zum "Abstoßen vom Gebiss" zu zwingen.
"Ich spreche dabei von einem Sporn, der diesen Namen wirklich verdient und mit einem 5-6 zackigem Rade versehen ist...Phlegmatische Pferde und solche, die mit ihren Kräften zurückhalten, werden durch den Spornstoß zu lebhafter Tätigkeit angetrieben, außerden aber Eigensinn, Widersetzlichkeit und Bosheit damit bestraft." Der Einsatz dieses "Geheimmittels" ist der "einzige Weg, ein Pferd durch und durch biegsam und tätig zu machen", obwohl Steinbrecht selbst feststellt, dass der Spornstoß "dem Pferde augenblicklich heftigen Schmerz" und "durch die Verletzung der Haut Entzündungen" verursacht.
"Bei diesem Kampf gegen die überlegene physische Kraft des Pferdes nehme der Reiter immerhin Zuflucht zu zweckmäßigen Hilfsmitteln, wie Martingal, Schlaufzügel...niemals aber glaube er, seine Arme und Beine schonen...zu können."
"Am hartnäckigsten tritt die üble Angewohnheit des Zungenstreckens auf, bei der das Pferd die Zunge über das Gebiss nimmt. Das Stangengebiss bietet durch besonders gebaute Mundstücke Mittel, dies zu erschweren...während der Trensenarbeit aber erfordert es viel Zeit und Mühe, das Pferd gründlich davon zu befreien...Es kann dies nur dadurch geschehen, dass Peitsche und Sporn es so lange an die die Verbindung mit dem Maul aufrechterhaltende Hand herantreiben, bis es die richtige Lage der Zunge unter dem Gebiss selbst als Erleichterung und Wohltat empfindet."
Am Ende der Lektüre stellt der Leser überrascht fest: Steinbrecht selber ist - vielleicht gegen seinen Willen - der Begründer der Reitweise: Hinten treiben, vorne gegenhalten; sein Werk liefert die Anweisung zur Kraftreiterei; er polemisiert gegen die Arbeit ohne Reiter, gegen Biegearbeit an der Hand. Kilometerarbeit im Schweiße von Pferd und Reiter ist die Devise. Das kann man für richtig halten - aber nicht leugnen.