Die Wellen der Emotionen in der deutschen Medienlandschaft und in den Internet-Foren über Karl-Theodor zu Guttenberg schlagen mit unverminderter Wucht hoch und man könnte angesichts des vorliegenden Informationsstandes eigentlich unterstellen, dass eine weitere Biographie über diesen ungewöhnlichen Politiker eher überflüssig ist. Doch weit gefehlt! Zwar erfolgte die Drucklegung der Biographie der beiden FAZ-Redakteure bereits im Januar 2011 und konnte somit die aktuelle Entwicklung um die Dissertationsarbeit von zu Guttenberg nicht berücksichtigen, für die Beurteilung und Einordnung der Person zu Guttenberg ist dieses jedoch nicht von Nachteil. Vielmehr stellt die seit einigen Tagen vorliegende Guttenberg-Biographie von Eckart Lohse und Markus Wehner eine sachliche und inhaltliche Bereicherung in der nach wie vor aufgeheizten Stimmung zur Plagiats-Affäre um den ehemaligen Verteidigungsminister dar.
Es mag sogar von Vorteil sein, dass die jüngsten Vorgänge in ihr keine Aufnahme finden konnten, denn dadurch konzentriert sich der Fokus auf die Person des Protagonisten und seiner bisherigen Leistungen in seiner späteren politischen Karriere. Im Gegensatz zur jüngst veröffentlichten Biographie von Anna von Bayern hebt sich die vorliegende Biographie durch ihre sachlich-kritische Bewertung von Karl-Theodor zu Guttenberg wohltuend von der üblichen Hofberichterstattung ab. Sie beleuchtet zunächst den familiären Hintergrund von Herrn zu Guttenberg und nimmt den Leser mit zu einer tour d'horizon der Verflechtungen des Hauses zu Guttenberg mit anderen Linien des süddeutschen Adels. Die Verfasser zeigen hierbei eine ganze Reihe von Zusammenhängen auf und geben dem Leser dabei einen Eindruck vom Werteverständnis des deutschen Adels. Man begreift, dass aus diesem Selbstverständnis heraus eine wesentliche Antriebskraft für den Widerstand katholisch geprägter, national-konservativer Offiziere gegen die national-sozialistische Herrschaft resultieren musste.
So erfährt man, dass die Familien Guttenberg und Stauffenberg nicht nur ideell durch den Widerstand gegen Hitler miteinander verbunden waren, sondern dass ihre Beziehung qua Heirat bereits weit vor der Zeit des National-Sozialismus zurückreichte, wurde, wie in anderen Teilen des bayerischen Adels Usus, schließlich 'standesgemäß' geheiratet. Daß solche 'Arrangements' nicht immer glücklich verlaufen, zeigt sich am Beispiel der Eltern von Karl-Theodor zu Guttenberg. Man erfährt Aufschlussreiches über die Jugend Karl-Theodors, seiner Einstellung zum Lernen per se, seiner Affinität zu Latein und Alt-Griechisch und seinen Qualitäten in Rethorik und gerade auch im 'persönlichen Marketing'. Der junge KT ist geprägt durch ein gesellschaftliches und familiäres Ambiente, in dem Standesbewusstsein und die moralische Handlungsverpflichtung gegenüber der Gesellschaft als tragende Säulen, als inhärente Verpflichtung 'des Standes' gelten. Die Autoren arbeiten dies im ersten Teil des Buches sehr gut heraus und geben über Quellennachweise, die als relativ umfassend bezeichnet werden können, dem Leser die Möglichkeit, sich hier näher zu vertiefen.
Wie glaubwürdig und berechenbar muß ein Karl-Theodor zu Guttenberg gelten? Anschaulich beschreiben die Autoren hierzu im zweiten Teil des Buches, daß sich bereits in der Opel-Krise die Grenzen der intellektuellen Leistungsfähigkeit einer sprunghaften und unkalkulierbaren Person abzeichneten. Ein Bild, das sich später im Fall 'Quelle', in der 'Kunduz-Affäre', der Vorgänge um die Gorch Fock und letztendlich in der Plagiatsaffäre bestätigte.
Den Autoren ist es gelungen, das Phänomen 'zu Guttenberg', die zuweilen penetrante Markenpflege von 'KT' durch Teile der Medien und die Rolle, die beide Ehepartner in der gezielten Hintergrundregie dabei wechselseitig spielen, ohne hämischen Unterton verständlich und plausibel aufzuzeigen. Lohse und Wehner haben dabei auf eine Vielzahl von Quellen und Beobachtungen zurückgegriffen. Dadurch bleibt das Buch nicht an der Oberfläche, sondern läßt Erklärungslinien hervortreten, die für den Leser das jüngste Verhalten von Herrn zu Guttenberg plausibel erscheinen lassen. Bei aller Jovialität im Umgang mit dem gesellschaftlichen Mainstream definiert zu Guttenberg aus seinem Standesverständnis heraus und in der faktischen wirtschaftlichen Unabhängigkeit die für ihn geltenden moralischen Maßstäbe durchaus aus einem anderen Paradigma, als dies für die bürgerliche Mehrheit in unserer Gesellschaft gilt.
Die Autoren konzidieren dabei, daß zu Guttenberg sich sowohl von der Haute-Volée der Neureichen-Schickeria als auch von der inzwischen stark angewachsenen Masse der Polit-Apparatschicks durch Charme, Eleganz und Weltläufigkeit abhebt. Treffend beschreiben sie dieses Phänomen, das sich als 'Volksadel mit Glamour-Faktor' auf einen kurzen Nenner bringen läßt und sich in mehreren, zuweilen grotesk-komischen, Bilddokumenten visualisieren läßt.
Leicht getrübt wird der durchweg positive Eindruck dieses keineswegs tendenziösen Buches lediglich an der einen und anderen Stelle, wo sich die Autoren von den tradierten Klischees zu der einen und anderen Persönlichkeit leiten ließen. So wird ein Seitenhieb auf die vermeintlich ambivalente Einstellung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gegenüber der Demokratie von Weimar unternommen, die er mit den Guttenberg-Brüdern Georg Enoch und Karl Ludwig teilte. An anderer Stelle ' man beleuchtet das verwandtschaftliche Verhältnis zwischen Karl-Theodors Mutter und ihrem zweiten Ehemann, Adolf von Ribbentrop, - wird man mit der gängigen Charakterisierung des durchaus zwiespältigen Außenministers des Dritten Reiches Joachim von Ribbentrop in keiner Weise gerecht. Doch mit Ausnahme dieser Arabesken folgt das Buch einer überaus sachlichen Betrachtungsweise der Person des Protagonisten und seines näheren Umfeldes.
Am Ende der Lektüre legt man das Buch mit der Einschätzung aus der Hand, daß es in fachlicher Hinsicht und angesichts des gesellschaftlichen Anspruchsniveaus an ministeriell Verantwortliche zu begrüßen ist, von einem Karl-Theodor zu Guttenberg nunmehr entlastet zu sein. Auch ohne Plagiats-Affäre wäre dieser politisch schillernden Persönlichkeit keine allzu lange Zukunft als Minister beschert gewesen, da er angesichts der gelebten Unabhängigkeit und der fehlenden fachlichen Bodenhaftung nicht die Grenzen seiner Handlungsmöglichkeiten abzuschätzen vermochte. Das Buch leistet einen Beitrag, einen Menschen verständlicher zu machen, für den Politik Spaß macht, der sich durchaus leidenschaftlich für die Vermittlung 'politischer Botschaften' engagiert, es jedoch nicht vermochte, den 'Elchtest' der harten und zuweilen detailreichen politischen Sacharbeit zu bestehen. Zu Guttenberg ist ein Markenträger seiner selbst, ein Meister der Selbstinszenierung, ein politischer Luftikus, werteorientiert und einem Moralkodex verhaftet, der sich zu dem einer wesentlich konziser und konsequenter definierenden bürgerlichen Gesellschaft in fast prosaischer Weise abhebt. Eckart Lohse und Markus Wehner haben mit ihrer sorgfältig recherchierten Arbeit auf 385 Seiten und einem dezidierten Quellennachweis die Biographie eines ungewöhnlichen deutschen Nachwuchspolitikers erstellt, bei der, angesichts der aktuellen Entwicklung, am Ende wesentliche Fragen unbeantwortet bleiben. Aber das schmälert ihren Wert in keiner Weise. Der fast irrationale Hype um die Figur zu Guttenberg ist nicht nur Ausdruck des gestörten Wahrnehmungsempfindens einer zunehmend manipulierbareren Gesellschaft gegenüber vermeintlichen Hoffnungsträgern, sondern verdeutlicht auch die Armut an Originalität und intellektuellem Reichtum, die Politik in der Vergangenheit immer wieder ausmachte.