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Neue Bücher über neue und alte Medien
Von Bernhard Dotzler
«Ich habe geschrieben, als ob ich die Freiheit eines Mannes besässe, der im 18. Jahrhundert lebte oder im «Ritz», soll Percy Wyndham Lewis einmal bekannt haben. Marshall McLuhan, der Wyndham Lewis bewunderte, besass für das «Ritz» wenig Sinn. Im übrigen jedoch war diese Haltung ganz die seine. «Er schrieb wie jemand, der sich weigert, sich selbst zu langweilen», charakterisierte eine Lektorin seinen Schreibstil.
McLuhan ist vor allem durch zwei Bücher berühmt geworden, «Die Gutenberg-Galaxis» (1962) und «Die magischen Kanäle» (1964). Zumal letztere liessen ihn kometenhaft zum Star einer Wissenschaft avancieren, nach der ob mit ihm oder ohne ihn noch immer alle suchen: der Medienwissenschaft. Dabei hatte McLuhan einfach nur seinem Papst Glauben geschenkt. Bereits 1950 mahnte Pius XII.: «Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Zukunft der modernen Gesellschaft und die Stabilität ihres Innenlebens zum Grossteil von der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts zwischen der Macht der Kommunikationstechniken und der Reaktionsfähigkeit des einzelnen selbst abhängt.» Also kreierte McLuhan den Slogan The Medium Is the Message , um der Einsicht Prägnanz zu verleihen, dass «die Botschaft jedes Mediums» vorab in der «Veränderung des Massstabs, Tempos oder Schemas» liegt, «die es der Situation des Menschen bringt».
Provokationen
Nichts anderes war freilich schon die Idee der «Gutenberg-Galaxis». McLuhan untersucht darin, wie der Buchdruck die Kultur insgesamt veränderte. Der Buchdruck, so die Generalthese, brachte gegenüber der auditiven Welt des Mittelalters eine visuell dominierte Gesellschaft herauf. Darum heisst das Original im Untertitel: «The Making of Typographic Man». Für jeden Literaturwissenschafter ein naheliegender Gegenstand, sollte man meinen. Tatsächlich kam ja McLuhan von der Literaturwissenschaft her und arbeitete als Professor für englische Literatur, der er war, bis in seine letzten Jahre an literaturgeschichtlichen Werken.
Dennoch darf man nicht unterschätzen, welche Provokation es seinerzeit bedeutete, die Literatur nicht auf das Wahre, Gute und Schöne hin zu befragen, von dem sie spricht, sondern vor dem Hintergrund ihrer materialen Existenzbedingungen, die erlauben, dass überhaupt ein solches schriftlich, gedrucktes Sprechen existiert. Die Unterscheidung von (augenfälliger) «Figur» und (der Achtsamkeit entzogenem Hinter-)«Grund» wurde für den späten McLuhan nachgerade zur Obsession. Zudem verkündet die «Gutenberg-Galaxis» mit dem Untertitel der deutschen Ausgabe ausgerechnet «Das Ende des Buchzeitalters». Es ist die Macht der elektronischen Medien, die ihm und für die er die Augen öffnete. «Radio und TV vs. the ABCED-Minded» heisst einer seiner früheren Aufsätze, und ein anderer: «Kultur ohne Schrift».
Daher erscheint es nur konsequent, wenn McLuhan fast durchweg «unordentliche» Texte schrieb. Sie alle laborieren an dem Problem, die Grenzen und ein Denken jenseits des gedruckten Wortes mit Hilfe gedruckter Wörter darzulegen. Die Kurzweil eines Stils, der sich vor diesem Problem in Aphorismen, Assoziationen, Anekdoten und notorisch wiederholte Dichotomien wie «heisse» contra «kalte» Medien hinüberzuretten versucht, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass McLuhan für diesen Stil berühmt, aber auch berüchtigt wurde. Mit einer Akrobatik ohnegleichen hat McLuhan die verschiedensten Mosaiksteine einer universalen Mediengeschichte von der Erfindung der Schrift bis zur Popkultur des Fernsehzeitalters immer wieder neu zusammengesetzt. Seine Themen und Thesen sind überall präsent, wo ernsthaft über die Effekte medialer Innovationen nachgedacht wird. Und doch ist der Respekt vor seinen Texten und Theorien nach wie vor strittig. Die, wie er selber in seinem Tagebuch einräumte, «Unkontrollierbarkeit und Unverantwortlichkeit» seiner Schreibweise hat dafür gesorgt, dass ihm und allen nicht umsonst so genannten «McLuhanatics» akademische Missachtung sicher blieb.
Zeitgleich mit einer deutschen Ausgabe der bewährten McLuhan-Biographie Philip Marchands kommt nun zum Beispiel ein Buch zum 600. Geburtstag Gutenbergs auf den Markt. Man kennt das Geburtsjahr Gutenbergs nicht. Aber gleichviel. Das angesetzte Datum ist vertretbar, und was eigentlich lockt, ist der Titel des Buchs: «Gutenberg und seine Wirkung». Was möchte man da, knapp 40 Jahre nach McLuhans «Gutenberg-Galaxis», nicht an Aufschlüssen erhoffen! Aber Stephan Füssel, Inhaber des Gutenbergs-Lehrstuhls der Universität Mainz und Verfasser des Buchs, versteht als «Wirkung» offenbar nur, dass die Erfindung des Buchdrucks immer weitere gedruckte Bücher nach sich gezogen hat bis am Ende «die Elektronisierung der Informationsverarbeitung» das Heft an sich reisst. Einmal mehr fasst er zusammen, was es Spärliches über Gutenbergs Leben und Werk zu erfahren gibt, welche Bibeldrucke den Anfang machten, wie sich die Buchdruckerkunst rasch über den Kontinent verbreitete, wie Humanismus und Reformation ohne den Buchdruck nicht zu denken wären und wie der Lobpreis auf die möglich gewordene Allgemeinbildung zum Topos geriet.
Viel Gelehrtenfleiss steckt in diesen Zeilen, keine Frage. Aber die wiederkehrende Wendung vom «Aufbruch in der Geschichte der menschlichen Kommunikation» ist schon die kühnste These im ganzen Text. Äusserlich ist das Buch hervorragend gestaltet. Auch besticht seine exzellente Bebilderung. Die begleitende «Studie» hingegen liefert in Prosa verpackte Daten früher Druckgeschichte, nicht mehr und nicht weniger.
Gleich mit einer (unbebilderten) Tabellenform begnügt sich die «Grosse Medienchronik», bei der es sich zweifellos um die gewichtigste Neuerscheinung zu den von McLuhan einst abgesteckten Claims handelt. Sie wendet sich offen gegen McLuhan: «Das Medium ist nicht, wie Marshall McLuhan meinte, die Botschaft, wohl aber determiniert es die Struktur der Botschaft.» Zugleich hält sie es ganz mit McLuhan, indem sie eine «Gesamtschau» der Medienentwicklung von den allerersten Schriftzeichen bis zum jüngsten Miniaturisierungserfolg des Ein-Elektron-Transistors zu liefern versucht, die nicht nur für «Techniker und Naturwissenschafter» aufschlussreich ist, sondern vor allem für «Literatur- und Sprachwissenschafter, Musik- und Kunsthistoriker, Kulturhistoriker, Geschichtswissenschafter, Soziologen, Philosophen, Publizisten und Medienwissenschafter». Nur wollen die randvollen 1100 Seiten, die so zustande gekommen sind, einer Medientheorie lediglich zuarbeiten. Statt eigene Analysen zu wagen, haben die vier Autoren Daten über Daten zur derzeit umfangreichsten medienhilfswissenschaftlichen Handreichung versammelt.
Ob dergleichen heutzutage zwischen zwei (noch dazu weichen) Buchdeckeln richtig untergebracht ist, scheint daher der einzige Einwand zu sein, den man erheben könnte. Der Nutzen eines solchen Nachschlagewerks liegt ebenso auf der Hand wie seine akademische Harmlosigkeit. Doch allzu leicht stösst man auf Mängel. Nach Stichproben zu urteilen, sind sämtliche im Personen- und Sachregister angegebenen Seitenzahlen falsch. Einen Johann Lorenz Boeckmann sucht man im Register vergebens, im Text wird sein «Versuch über Telegraphic» als «Versuch über Telegraphie» zitiert. Zur Geschichte des Bleistifts findet man den Erstbeleg bei Gesner, 1566, und die Begründung der Bleistiftindustrie durch Conté und Hardtmuth, 1790. Die Firmengründung Kaspar Fabers, dreissig Jahre zuvor, bleibt dagegen unerwähnt, ganz zu schweigen von Priestleys genialem Einfall, 1770, Kautschuk als Radiergummi zu verwenden.
Vergleicht man solche Unterbietungen des Erwartbaren mit den Überbietungen eines McLuhan, dürfte die Wahl nicht schwerfallen, welcher Art von Unhaltbarkeit der Vorzug zu geben wäre. Doch suggeriert die Gegenüberstellung eine Alternative, die keine ist. Zu den wahrhaft intrikaten Momenten der Lebensgeschichte Marshall McLuhan zählt weniger die Ignoranz seiner Verächter als vielmehr sein Bemühen, sie Lügen zu strafen. Nicht dass er je versucht hätte, vernünftig schreiben zu lernen. Statt dessen setzte er auf empirische Beweise. Zuletzt kamen sie unverhofft: Die Forschungslabors von General Electric veröffentlichten 1970 eine Auswertung von Gehirnstrommessungen, die zeigte, wie verschieden die Probanden auf Werbeanzeigen in Zeitschriften einerseits, Werbespots im Fernsehen andererseits reagierten. «Das heisst», folgerte der Versuchsleiter Herbert Krugman daraus, «die grundlegende elektrische Reaktion des Gehirns richtet sich mehr nach dem Medium als nach den Inhalten.» McLuhan war also bestätigt, ein Vertreter der «Weisskittelzunft» überhob ihn mit einem Schlag der vergeblichen Mühe, der er sich selbst bis dahin unterzogen hatte.
Psychologische Tests
Ebenso hartnäckig wie glücklos investierte McLuhan nämlich seit Anfang der fünfziger Jahre immer wieder in psychologische Tests, die seine Hypothesen bekräftigen sollten. Der glühende Wunsch, Recht zu behalten, und eine offenkundige Orientierung am Wissenschaftsideal gemäss Poppers Falsifizierbarkeitsforderung waren dabei nur ein Teil der Beweggründe. Zugleich ging es darum, mit einer Wissenspraxis in Verbindung zu treten, die anwendbare Ergebnisse versprach. Er wolle, erklärte McLuhan mehrfach, die «Grammatik» der neuen Medien lehren, um die Kontrolle ihrer Effekte so einfach und sicher zu machen «wie das Einstellen des Thermostats im Wohnzimmer». Hier wird man dem Wirken McLuhans erst noch auf den Grund gehen müssen. Ob man an seiner Schreibweise Anstoss nimmt oder sich ihrer erfreut, bleibt letztlich eine Frage für Schöngeister. Das Kernproblem ist ein anderes, doppeltes: in welcher Weise die Medien in eins mit der übrigen Situation der Menschen auch die Wissenschaft verändern und wie auf die Situation der Menschen auch durch Medienwissenschaft eingewirkt wird, und nicht allein durch die Medien selber.
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