Mit dem Text "Gutenachtgeschichte" ist Plenzdorf deshalb ein Meisterwerkchen geglückt, weil er sich damit geschickt zwischen allen Stühlen platziert: Er ist keine wirkliche Gutenachtgeschichte, weil nur sozusagen auf der Metaebene über Gutenachtgeschichten gesprochen wird. Sie ist, obwohl Kinder diesen Text gerne hören und auch herzhaft darüber lachen, erst recht keine Kindergeschichte. In einer Art typischem Erwachsenenton, zwischen genervtem Zurechtweisen und onkelhaft belehrendem Ton changierend, schildert hier ein fiktiver Autor seine Unfähigkeit, eine Gutenachtgeschichte zu erzählen.
Sprengstoff steckt zwischen den Zeilen: wenn der Erzähler etwa den Kindern erklärt, dass eine Gutenachtgeschichte nichts als subtile Erpressung durch Erwachsene, oder klarmacht, dass Höflichkeit in der Erwachsenenwelt in Wirklichkeit verbrämte Heuchelei und Lüge sei. Wenige Zeilen später rät er dann: "...bis dahin seid höflich zu euren Eltern".
Vor dem Hintergrund der DDR, in der Plenzdorf zur Entstehungszeit des Texts arbeitete, entfalten diese Botschaften ihre ganze Sprengkraft: Überforderte Erwachsene überfordern ihre Kinder, ein rigider Staat regiert bis ins Kinderzimmer mit, eine auf Lügen aufgebaute Gesellschaft gibt ihre Lügen an die neue Generation weiter.
Die Illustrationen von Rolf Köhler stehen dem Text in nichts nach: hier sieht man Kinder mit Luftballons durch eine Phalanx aus kaktusförmigen Lehrern laufen, über einen Schuleingang zeichnet Köhler zwei sich gegenseitig in den Rücken stechende Marmörmännlein, unterschrieben mit dem Bildungsbürgerlieblingszitat "Non scolae sed vitae dicimuns".
Ein unbedingt lesenswertes Büchlein.