Es gibt hierzulande Themen, an denen sich die Geister scheiden; da gilt entweder ein Pro oder Contra. Das Konzept der Waldorfschulen ist eines davon. Für die einen pädagogische Offenbarung, für andere schlichtweg Humbug. Letztere können jedoch selten von sich behaupten, umfassend informiert zu sein oder auch nur eine dieser Schulen einmal von innen gesehen zu haben. Und auch Eltern von Waldorfschülern wissen (wie alle Eltern auf der Welt) vom Alltag ihrer Kleinen meist nur aus deren Erzählungen oder vom Elternabend. Abhilfe für beide Gruppen schafft da die 90-minütige Doku Guten Morgen, liebe Kinder" - der erste Teil einer Langzeit-Trilogie, die eine komplette Klasse und ihre Lehrerin vom Tag der Einschulung die folgenden acht Jahre beim Lernen begleiten wird.
Im ersten, vorliegenden Teil werden die Kinder in den Klassenstufen 1-3 beobachtet. Immerhin sind es 38 in einer Klasse - also die übliche Klassenstärke. Es gibt keine Bücher oder vorgedruckte Lernmaterialien. Die Kinder gestalten alles selber. Präzise wird auch die Konzentrationsleistung der Lehrkräfte gezeigt. Die Lehrplanangaben im Waldorf-System werden von der verantwortlichen Klassenlehrerin als rudimentär" bezeichnet. Es existiert natürlich eine Zielsetzung, wo am Ende der 8. Klasse der Bildungsstand angekommen sein muss. Es gibt weiterhin Empfehlungen und Erfahrungen anderer Waldorf-Lehrer aus jahrzehnterlanger Arbeit. Trotzdem bleibt der Rahmen relativ offen. Das verschafft der verantwortlichen Pädagogin große Freiräume, aber auch eine Riesenverantwortung. Da ist viel Vertrauensvorschuss angesagt. Selbst der größte Kritiker wird aber eingestehen müssen, dass dieses Konzept in den gezeigten 1,5 Stunden aufgeht. Und über eine Schulatmosphäre ohne bröckelnden Putz, Wasserflecke, Schmierereien und Pausenkloppe wird manch einer neidisch sein.
Die eigentlichen Stars des Films sind aber die Kinder. Da die Kamera kaum versteckt gewesen sein wird, ist es schon ein Ereignis zu sehen, wie sich die Kleinen bei ihrem Tun von der dauerhaften Medienpräsenz innerhalb kürzester Zeit gar nicht mehr beirren lassen.. Das sind auch keine Elite-Kids, sondern ganz normale Kinder, die genauso zappeln, schwatzen und im Unterricht unerlaubterweise Kaugummi kauen wie andere auch. Begegnet wird so etwas auch nicht etwa mit anti-autoritärem Hokuspokus, sondern klaren Regeln - unaufgeregt, ohne zu beschämen, aber konsequent. Sie sollen das Lernen und die Freude daran lernen, und das gemeinsam. Die Kinder begreifen schnell, wie sehr es dabei auf sie selbst und auf ihren Zusammenhalt ankommt.
Ein Film für alle, die ihre Kinder auf einer Waldorf-Schule haben, hatten, oder sie noch hinbringen wollen. Für solche, die noch darüber nachdenken, und nicht zuletzt die vielen anderen, die einiges von dem Gesehenen vielleicht für nachahmenswert halten.