how2find.de, 17.07.2006
"Die neue Frau", Nr. 36 vom 30. August 2006
"Mord mit Stil: Sie putzen, rackern, verwöhnen - doch irgendwann ist Schluss mit lustig... Minna zaubert ein exzellentes Menü auf den Tisch, Edeltraut macht Gebrauch vom Golfschläger und Hertha greift mit Zuversicht zur Schrotflinte. Auch in ihrem zweiten Band beschreibt Angelika Stucke 13 Wege zum perfekten Verbrechen. Ein herrliches Lesevergnügen voller schwarzem Humor - nicht nur für Frauen!" Redaktion
Kurzbeschreibung
Es gibt diesen Zeitpunkt im Leben einer Frau, da muss sie sich entscheiden: lasse ich mir weiterhin auf der Nase herumtanzen oder mache ich einen harten Schnitt? Alles Weitere ist dann lediglich eine Frage der passenden Mordwaffe und des persönlichen Stils - Minna besinnt sich auf ihre exzellenten Kochkünste, Edeltraut greift zum Golfschläger und Hertha beschließt eine spontane Ehrenrettung mittels Schrotflinte.
Angelika Stucke ist ihrer Linie nach ihrem Erstling "Gute Motive" im zweiten Band der geplanten Trilogie über mörderische Frauen treu geblieben, wie im ersten Band schlagen zwölf Frauen und ein Knabe eine Schneise der Verwüstung durch nur scheinbar idyllische Landstriche. In jeder Kleinstadt lauert eine verkappte Mörderin, die man besser nicht reizt. Und den Weg hin zum perfekten Verbrechen beschreibt die Autorin so amüsant, pointenreich und treffsicher, dass es ein Vergnügen ist, ihr auf die dunklen Pfade zu folgen!
Über den Autor
Auszug aus Gute Gründe. 13 Kriminalgeschichten von Angelika Stucke. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der feine weiße Sandstrand liegt so leer in der Nachmittagssonne, wie ich ihn eigentlich nur auf retuschierten Fotos von Werbeprospekten vermutet hätte. Sie wissen schon, solche, aus denen sämtliche Badenden rausgewedelt wurden. Dass irgendeine Bucht des Mittelmeeres noch so unberührt sein kann, erschiene mir, sähe ich es jetzt nicht mit eigenen Augen, als völlig undenkbar.
Je nach Wassertiefe leuchtet das Meer türkisfarben bis königsblau. Vor einigen Felszungen schimmert es sogar smaragdgrün. Es ist ein vergessenes Paradies, genau richtig, um hier zu sterben. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht lebensmüde, ganz im Gegenteil. Derjenige, der hier sterben soll, ist mein Begleiter. Er weiß es nur noch nicht.
Wie stolz er dort am Steuer steht. Aufrecht, breitbeinig. Mitten im Leben vermutet er sich. Aber das ist ja das einzig Gute am Tod, diesem verlässlichen Verfolger; dass wir nie wissen, wann er uns treffen wird. Auch Gisela hatte nicht eine Sekunde an ihr Ende gedacht, als sie so fröhlich ihren Koffer für die Ferien packte. Ich sehe ihre strahlenden Augen noch heute vor mir. Feline, komm doch mit, du wirst sehen, Mallorca ist gar nicht so eine Stammtischbrüderinsel wie du denkst! Bis heute verzeihe ich mir nicht, dass ich sie allein habe fliegen lassen. Es wäre alles anders gekommen, wenn ich sie begleitet hätte...
Eigentlich hatten wir unseren Aufenthalt gemeinsam geplant. Mein Gott, wie viele Biere wir gezapft haben müssen, ehe wir das Geld für unseren Luxusurlaub zusammenhatten! Aber dann sah ich diesen Bericht vom Ballermann und hatte plötzlich keine Lust mehr, meine Freizeit auf einer Insel zu verbringen, die von grölenden Horden Halbnackter bevölkert wird. Menschen, die ihrer Gattung als Säugetiere mit Strohhalmen alle Ehre machen. Grausam!
Statt Gisela bei ihrem gewagten Plan, sich auf der Insel einen Millionär zu angeln (Aber einen zum Verlieben! Sie war eben in vieler Hinsicht recht naiv, meine Freundin!), also statt ihr auf die Finger zu schauen, blieb ich in Münster und bediente dort weiterhin grölende Säugetierhorden, nur dass die nicht halbnackt auf den langen Holzbänken saßen. Man muss dem lieben Gott schon für kleine Gefallen dankbar sein. In diesem Sommer für das Münsteraner Dauergrau am Himmel.
Jean Claude lässt das Boot jetzt langsamer werden, dreht vom Ufer ab und tuckert längsseits an den steilen Felsen vorbei. Über uns kreischen aufgeregte Wasservögel. Oft werden sie in ihrer Einsamkeit hier nicht gestört.
Du wirst die Bucht lieben, chérie, wir werden dort ganz allein sein, man kann sie nur über das Meer erreichen, hatte er mir mit seiner rauen Stimme ins Ohr geflüstert, ehe wir an Bord gegangen waren. In ihrem feinen Sand will isch stundenlang mit dir Liebe machen. Sein Versprechen hatte mir Schauer über den Rücken gejagt. Wohlige Schauer, das war das Schlimme! Ich konnte meine Freundin plötzlich viel zu gut verstehen.
Wenn du ihn sehen könntest, würdest du auch weiche Knie bekommen, bei all seinen Bewegungen. Er hat so etwas Geschmeidig-Raubtierhaftes, hatte sie mir völlig überdreht am Telefon erzählt. Ich kann es gar nicht abwarten, bis ich endlich mit meinem Tiger im Bett bin! hatte sie albern vor sich hin gekichert. So aufgekratzt wegen eines Typen hatte ich sie noch nie erlebt. Gisela sah gut aus, richtig gut! Wie oft hatte sie schon Angebote bekommen, zu modeln. Aber in die verlogene Werbewelt will ich nicht! hatte sie sich stets eisern gezeigt, ich erwähnte ja bereits, dass sie manchmal erschreckend naiv sein konnte. Die Männer standen ständig bei ihr Schlange. Manchmal meinte ich, richtig sehen zu können, wie ihnen vor lauter Lust der Sabber das Kinn entlang lief, nur vom Hingucken. Gisela hatte eine atemberaubende Figur, aber ihr Lächeln war das Schönste an meiner Freundin. Wenn sie lächelte, meinte man, die Sonne gehe auf, selbst am trübsten Tag. Und trübe will in Münster etwas heißen.
Ich würde Giselas Lächeln nie wieder sehen. Schuld daran war der Mann, der jetzt langsam auf mich zukam. Wie eine Raubkatze bewegte er sich. Sein wiegender Gang war ein perfektes Zusammenspiel mit dem leichten Auf und Ab des nun vor Anker liegenden Bootes. Selbst Jean Claudes nur leicht von der Sonne gebräunte Haut hatte den goldenen Schimmer eines Löwenfells. Eigentlich würde er wunderbar zu dir passen, hatte Gisela gesagt, wo du doch Feline heißt. Sie machte immer solch dumme Spielchen mit Namen. Einmal hatte sie einen Freund, nur weil der zufällig Bündchen mit Nachnamen hieß...
Mein Löwe sollte besser Leon heißen, das wäre super: Leon und Feline! Seinen richtigen Namen hatte sie mir nie genannt, sie hatte nur immer solch dumme Koseworte wie mein Tiger oder mein Löwe benutzt, aber nun kannte ich den Namen ihres Mörders ja: Jean Claude! Schon konnte ich seinen Duft aus teurem Aftershave und Männerschweiß atmen. Er stand jetzt so dicht vor mir, dass ich sogar seine Körperwärme spürte. Sämtliche Härchen meines Körpers richteten sich auf. Mir wurde ganz flau im Magen, meine Knie drohten nachzugeben.
Es war so einfach gewesen, ihn zu finden. Fast schon zu einfach.
Stell dir vor, er hat ein Schiff, das Giselle heißt. Das muss doch ein Zeichen sein! hatte Gisela eines Morgens berichtet. Sie rief täglich an, um mir von ihren Fortschritten bei der Millionärssuche zu erzählen. Abgestiegen war sie in Deià, in einem sündhaft teuren Luxushotel, das wir noch zusammen ausgesucht hatten.
Du musst das als Investition in unsere Zukunft sehen, hatte sie rumgealbert, als wir vor Monaten dort die Reservierung gemacht hatten. Mein Zimmer hatte ich dann ja bald wieder abgesagt. Jetzt war ich in einer Pension in den Bergen von Sóller untergebracht. Ich wollte so nah wie möglich an dem Ort sein, an dem sich die Spur meiner Freundin für immer verlor. Bei einem auf exklusive Wagen spezialisierten Autoverleih hatte Gisela sich einen kleinen roten Sportflitzer gemietet. Mit dem war sie die kurvenreiche Küstenstraße von Deià bis Sóller gefahren, wo sie Jean Claude sozusagen direkt in die Arme gelaufen war. Am Hafen von Sóller war es gewesen. Seine Yacht liegt dort normalerweise. Gisela war auf ihren höchst eleganten, aber wenig praktischen Stilettos direkt vor der Giselle umgeknickt. Jean Claude war sofort zu ihr gesprungen, um ihr aufzuhelfen. Das Letzte, was ich von Gisela hörte, war, dass er sie auf eine Bootstour zu einer romantischen Bucht hatte mitnehmen wollen.!
Das war vor zwei Wochen gewesen.
Als Gisela am Tag nach der Tour kein Lebenszeichen gab, machte ich mir noch keine Sorgen. Ich wähnte sie im siebten Himmel. Die Sorgen begannen erst, als sie auch an den folgenden Tagen nicht anrief. Das war nicht normal! Trotzdem wollte die Polizei keine Vermisstenmeldung aufnehmen, als ich nach drei langen Tagen und Nächten des Wartens auf die Wache ging.
Ihre Freundin ist im Urlaub, sagen Sie? Ja, da sollten Sie sich aber frühestens alarmiert zeigen, wenn sie ihren Rückflug nicht wahrnimmt. Und dann wären nicht wir zuständig, sondern die Polizei vor Ort. Auf die hatte ich mich nicht verlassen wollen. Ich hatte so ein dummes Gefühl, dass Gisela etwas Schlimmes zugestoßen war. Als ich Jean Claude dann dank der Giselle schon am zweiten Tag meines Aufenthaltes ausfindig machte, reagierte er gar nicht auf meine Anspielungen auf eine junge Deutsche namens Gisela. Da war mir mein dummes Gefühl zur furchtbaren Gewissheit geworden.
Chérie, woran denkst du? flüstert er jetzt so dicht an meinem Ohr, dass ich für einen Moment die Kontrolle verliere und mich gegen ihn lehnen muss. Wie gut er riecht! Mein Gesicht liegt direkt an seiner Brust. Ich kann sein Herz schlagen hören. Völlig ruhig und gleichmäßig. Gar nicht so aufgewühlt wie meins! Vorsichtig hebt er mein Kinn mit seinem rechten Zeigefinger an. Mein Mund ist leicht geöffnet. Fast hoffe ich, dass er mich jetzt küssen, dass er nie in die Fluten springen möge. Aber dann ist dieser eine schwache Augenblick, der alles hätte verändern können, vorbei. Jean Claude hat gar nicht bemerkt, dass sein Schicksal an einem Kreuzweg stand. Dass für kurze Zeit, eine Sekunde vielleicht, alles möglich war. Er blickt mich kurz aus seinen Bernstein-Augen an, wie zwei glühende Punkte spüre ich diesen letzten Blick noch immer in meinem Gesicht. Dann stößt er sich von der Reling ab und taucht in die jetzt schaumgekrönten Wellen. Ein leichter Wind ist aufgekommen, der rasch stärker werden wird.
Chérie, viens, trau dich! höre ich ihn rufen, während ich entschlossen die Leiter der Yacht einziehe.
Alles, was ich jetzt noch tun muss, ist warten.
Niemand sieht sich veranlasst, an meiner Aussage zu zweifeln. Jean Claude hatte sich überschätzt, war zu weit vom Boot und vom Ufer weggeschwommen. Ein Unfall, wie er so oft hier an der Nordküste vorkommt. Die Menschen stürzen sich ins Meer und denken nicht an gefährliche Strömungen.
Machen Sie sich nix Vorwürfe, meint ein wohlwollender Polizist mit Bierbauch und Obelixschnauzer, der gebrochen Deutsch spricht. Im vergangenen Jahr sind 17 Menschen vor Mallorca ertrunken.
Er tätschelt meinen Arm und schickt mich dann einfach weg. Schlafen Sie erst einmal aus!
Aber ich werde nicht schlafen können, vielleicht nie wieder, denn vor der Polizeistation warten zwei Menschen in einem roten Sportflitzer auf mich: Gisela und ihr Tiger. Der sieht zwar tatsächlich fast so umwerfend aus wie Jean Claude, auf der Giselle war er aber nur angestellt. Den echten Millionär hatte, so scheint es, ich mir geangelt.