Gute Aussichten? Je nachdem wie man die Münsteraner mag. Freunde der letzten, poppigeren Platten wird das punkige Album enttäuschen, doch Fans der ersten Stunde kommen voll auf ihre Kosten.
Hämmernde Gitarren, ein schneller Punk-Beat und eine Melodie die sofort ins Ohr geht - so geht „Gute Aussicht“ los. Der Muff Potter-Sound schlägt ein und überfordert fast Gehör und Geist. Liveaufnahme nennt sich das Wundermittel, mit dem Muff Potter zu diesen ursprünglichen Klängen zurückfinden. Alle Instrumente wurden gleichzeitig und zusammen eingespielt. So entstand Punkrock, wie er sein muss: roh, direkt, ohne Klimbim und viel Drumherum. Ehrlicher, authentischer wirken die Songs dadurch. Verzerrte Gitarren, treibender Rhythmus, die Vocals mehr denn je zwischen Gesang und Geschrei, dazu parolenartige Texte und das Ganze unvorhersehbar arrangiert – damit überzeugen die Münsteraner im Großteil ihrer neuen Titel.
Neben schroffen Punk finden sich auch eingängige Nummern, wie zum Beispiel das hitverdächtige „Niemand will den Hund begraben“. Melodie und Instrumentalisierung harmonieren sehr mit dem gesellschaftskritischen Text: „Niemand will den Rücken krümmen, alle wollen ein Praktikum, oder zwei oder drei oder vier oder fünf“, „An der Bushaltestelle sitzen Rocko und Rico und spielen Stadt, Land, Flucht“, „Alle wollen ein Stück vom Kuchen“.
Im Gegensatz zum Sound ähnelt „Gute Aussicht“ inhaltlich eher den letzten Alben. Mit dem Zusammensetzen von absurden, zitierten, gegensätzlichen, achterbahnfahrenden, parolenartigen Wortgruppen und Sätzen wird der Hörer mit dem Sinn des Ganzen meist allein gelassen. „Scheiß auf die Pointe“ nennt sich diese Philosophie, in Anlehnung an Monty Phyton.
Schwachstellen machen sich in dem Moment bemerkbar, wenn Muff Potter anfangen zu experimentieren. „Wie spät ist es und warum“ ist durch Akustik-Gitarren, Pop-Beat und Gesang (kein Geschrei) so seicht, dass man den Song auch der Hamburger Band Die Sterne unterschieben könnte. Ähnliche Instrumentalisierung findet man auch zu Beginn von „Mein Freund das Wrack“, ergänzt von einem sehr ernsten Text über einen Freund, der trotz Intelligenz, Humor und Geld endlos unglücklich ist. Plötzlich setzt jedoch ein unpassendes Akkordeon ein und zerstört den Titel, da die Glaubwürdigkeit der nachdenklichen Zeilen verlorengeht.
Hervorzuheben ist noch das Stück „Eiskunstlauf ohne Ton“. So schön absurd wie der Titel, so ist auch der Song. Zu Beginn düstere verzerrte Rhythmusgitarre, mit schrägem, disharmonischem Gesang, was den Hörer eher zum weiterskippen animiert. Doch nach einer guten Minute entwickelt sich das Stück zu einem optimistischen Mutmachsong. Text und Melodie werden immer positiver: „wenn er fällt, dann kriecht er halt weiter“, „und die Luft wird immer besser und das Gras wird immer grüner und der Mond wird immer heller und die Stimmen werden netter“. Ganz am Ende, dann aber wieder düstere disharmonische Klavierklänge - eigenartig aber faszinierend.
„Gute Aussicht“ ist eine solide, rotzige Punkplatte, die ordentlich in Kopf und Beine geht. Solange die Jungs aus Münster dem Punkrock-Stil treu bleiben, überzeugen sie mit authentischen Songs. Bei den vereinzelten poppigen Experimenten und Spielereien werden die gesellschaftskritischen Assoziationen jedoch unglaubwürdig und verlieren die notwendige Ernsthaftigkeit.
Kurzbeschreibung
Eigentlich hatten Muff Potter sich nach einem arbeitsreichen 2007 vorgenommen, im Jahr 2008 mal eine Pause einzulegen. 2007 erschien "Steady Fremdkörper" (Chartsposition #40, Visions Platte des Monats & Titelstory), es wurde eine ausverkaufte Tour gespielt, und doch kam es wieder anders. Im Mai 2008 der fünfzehnte Bandgeburtstag mit rauschendem Fest(en), im Juni schließlich die Supporteinladung von Die Ärzte, und im Herbst juckte es der Band dann auch schon wieder in den Fingern. Die Band verkroch sich in diversen Ferienhäusern der deutschen Provinz, um in Rekordzeit einen ganzen Haufen neuer Songs zu machen, und ging schließlich kurz nach Weihnachten ins Cloudshill Studio Hamburg, um die Songs aufzunehmen. Das Ergebnis: Gute Aussicht!
Es ist seit "Heute wird gewonnen, bitte!" das erste live aufgenommene Album von Muff Potter. An den Reglern: Nikolai Potthoff (u.a. auch Bassist Tomte) und Torsten Otto (Beatsteaks, Tocotronic, Kreator). Muff Potter beziehen sich auf diesem Album auf Monty Python und deren "Scheiss auf die Pointe" -Philosophie, außerdem auf 50 Jahre Rock-, Pop- und Punkgeschichte, auf Welt- und Trivialliteratur, auf Jörg Fauser, Alfred E. Neumann, Otis Redding, Charlie Chaplin und unzählige andere. Sie zitieren Kurt Vonnegut, Chris de Burgh, früh 80er Deutschpunk-Compilations und die "No human is illegal" Kampagne. Genauso irrsinnig wie dieser Mix klingt auch "Gute Aussicht". Eine textliche wie musikalische Achterbahnfahrt. Ein gut 40 Minuten langes Remmi Demmi auf Gitarren. So wunderbar frisch und anarchisch klang lange keine Gitarrenband, schon gar nicht in diesem Land. Das neue, siebte Muff Potter Album "Gute Aussicht" erscheint am 17. April 2009 wieder auf dem Bandeigenem Label HuckZs Plattenkiste, auf dem bereits die ersten 4 Muff Potter Platten sowie die Vinylversionen der letzten beiden Alben erschienen.
"Ein ungeschliffener Diamant: Wer unter der unerwartet rauen Oberfläche dieser Platte kratzt, wird einen schillernden Song nach dem nächsten freilegen." Visions