Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Gute Absicht von Angelika Stucke. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Melanie Rott versuchte verzweifelt, in ihrer hilflosen Situation nicht die Hoffnung zu verlieren. Seit gestern Abend hatte der Mann sie nun schon in seiner Gewalt. Zunächst hatte sie befürchtet, er wolle sie mit ihrem Kopftuch erdrosseln. Doch anstatt das schöne Seidentuch um ihren Hals zu schlingen, hatte er es ihr als Knebel auf den Mund gebunden. So fest, dass ihr schnell das ganze Gesicht von dem ungewohnten Druck wehtat. Mittlerweile hatte sie dort schon gar kein Gefühl mehr, es war alles taub. Auch ihr restlicher Körper fühlte sich wie abgestorben an, vor allem die Beine, die der Mann fest gegen die kantigen Stuhlbeine gebunden hatte. Nur ihr Allerwertester tat höllisch weh. Kann man sich eigentlich wund sitzen?, fragte Melanie sich. Wie das alles aussieht!, dachte sie dann in die unheimliche Stille hinein, die nur von dem regelmäßigen Tropfen des undichten Wasserhahns unterbrochen wurde. Das Geschirr steht ja noch vom Mittag auf dem Tisch. Und dann gleich: Was ich mir für dumme Gedanken mache! Als ob das jetzt wichtig wäre.
Sie schwankte immer wieder zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Wo er wohl stecken mag? Gleich nachdem er sie in der Küche fixiert hatte, war er gegangen. Voller Furcht hatte sie lange angestrengt gelauscht, um zu hören, was er wohl machte. Hatte sich die schlimmsten Bilder ausgemalt, dass er mit einer Motorsäge wiederkommen würde, oder mit einem Messer. Dann wieder hatte sie gehofft, er sei gegangen, habe sie einfach hier sitzen lassen und sei verschwunden. Aber die Haustür hatte sie nicht klappen gehört. Jedenfalls nicht bewusst. Es mochte sein, dass er in einem der wenigen Momente, in denen sie in der Nacht weggedöst war, das Haus verlassen hatte. Aber sie konnte es nicht wissen.
Wie spät es wohl sein mag? Noch hatte die Dämmerung nicht eingesetzt. Es mochte fünf Uhr früh sein, vielleicht auch schon sechs. Um zehn soll ich bei Amalie sein. Wann wird sie wohl merken, dass etwas nicht stimmt? Um halb elf? Sie weiß doch, dass ich immer pünktlich bin! Und wann wird sie jemanden alarmieren? Vielleicht um elf? Und dann, wie lange wird es dann wohl dauern, bis sie bei mir vorbeischauen werden? Im schlimmsten Fall gegen zwölf, versuchte die alte Frau sich Mut zu machen. Noch sieben, vielleicht auch nur noch sechs Stunden! Sie atmete tief durch. Komm schon, Melanie, das schaffst du, du hast doch schon ganz andere Dinge überstanden! Die Sonne geht sicher gleich auf!
Sie konnte nicht ahnen, dass es erst kurz vor drei Uhr nachts war, und dass sie an diesem Tag nicht und überhaupt nie wieder das Sonnenlicht sehen sollte.