Sprachkritik will "sich nicht über Sprecher lustig machen, die aus welchen Gründen auch immer, mit der Schulgrammatik hadern oder Jargonwörter benutzen" schreibt der Autor in seiner Einleitung. Der Autor will das "Unbedachte hinter dem Alltäglich-Selbstverständlichen zum Vorschein kommen" lassen. Es geht ihm nicht "um das Anlegen von Messlatten, sondern ums Selbstdenken".
Mit dieser Zielsetzung will der Autor diverse bekannte und unbekannte Wörter und Wendungen aus der Wirtschaft, darunter Jobkrise, Humankapital, Gewinnwarnung, Elite, Praxisgebühr, Tafelsilber, Bierdeckel, Reform, Rabattschlacht usw. kritisieren.
Bereits im Vorwort begeht der Autor dann allerdings den ersten Denkfehler, wenn er schreibt: "Nach dem Fall der Ideologien befinden wir uns einer im wesentlichen vom Denken der Ökonomie bestimmten Welt" und damit so tut, als ob die "Ökonomie" und die derzeitige Wirtschaftspolitik frei von Ideologie bzw. Werturteilen wäre und nur aus Sachurteilen oder unveränderlichen Naturgesetzen bestehen würde.
Denn das Wichtigste übersieht der Autor dabei oder will er es übersehen? Auch wer Floskeln und Phrasen verwendet, will damit etwas mitteilen und eine Botschaft übermitteln. Das gilt auch in der Wirtschaft und dann, wenn jemand im Grunde nichts sagt.
Welche Qualität und Intention die "Sprachkritik" des Autors aufweist, zeigt sich z. B. an seiner Analyse den Begriff "Elite" betreffend.
Hier weist der Autor zunächst darauf hin, dass die Verwendung des Begriffes im Sport "absolut unverdächtig" wäre, da es im Sport allgemein hingenommen werde, dass es "Bessere und Beste" gibt. (Als Beispiel führt er an: "Im Münchner Olympiastadion traf sich die Elite der Leichtathletik.")
Auf der anderen Seite wäre der Begriff "Elite" in anderen Lebensbereichen - so der Autor - übel verleumdet und "schon fast verpönt", nämlich dann, wenn es um die Themen Eliteschule, Eliteuniversität, Elitedenken usw. gehen würde.
Nach Ansicht des Autors würde dies an dem Missverständnis liegen, dass in unserer Gesellschaft Eliten mit Privilegierten "verwechselt" würden. Eliten wären das Ergebnis "erzdemokratischer Verfahren", Privilegien könne man "heimlich erschleichen und sogar vererben", sie waren und sind "das Erkennungszeichen undemokratischer Gesellschaften". Kritiker dieser Eliten wären dem Autor zufolge daher von einem "geradezu selbstzerstörerischen Neid" gekennzeichnet.
Zweifelsohne gab und gibt es immer junge Menschen, die auf irgendeinem Gebiet überdurchschnittlich, ja geradezu phänomenal begabt sind, sei es in der Mathematik, in der Musik, in der Malerei oder im Sport. Nichts spricht dagegen, diese Talente zu fördern, auch nichts, sie mehr und anders zu fördern als andere.
Was der Autor bei seinem Vergleich der Eliten im Sport mit den Eliten anderer Lebensbereiche, insbesondere der Wirtschaft, aber übersieht oder wahrscheinlich übersehen will, ist die banale Tatsache, dass jedermann den Ausleseprozess beim 5000-Meter-Lauf (live) verfolgen kann. Wer beim Rennen schummelt, der wird disqualifiziert. Wer beim Doping erwischt wird, wird sehr wahrscheinlich für Jahre gesperrt und aus ist es mit den Werbemillionen.
Der Ausleseprozess der Eliten in der Wirtschaft ist jedoch dagegen häufig vollkommen intransparent und vollzieht sich meist hinter verschlossenen Türen. Warum entscheidet in Deutschland - bei gleichem Wissensstand und Lernvermögen - die soziale Herkunft so viel stärker als in anderen Ländern über den Schulerfolg eines Kindes und die Chancen im Leben? Warum gibt es zum Beispiel in den obersten Führungsetagen der deutschen Wirtschaft fast nur Männer? Weil Frauen dümmer und fauler sind, nichts von Führung und Ökonomie verstehen oder ein Leben lang Kinder bekommen bzw. erziehen und deshalb keine Zeit haben? Und die Tatsache, dass der Bewerber mit der schlechteren Qualifikation die Stelle bekommen hat, weil der Papa, Herr Dr. Sowieso, im Aufsichtsrat oder Vorstand des Unternehmens sitzt, ist natürlich ein Gerücht. Das gibt es nämlich nur in Bananenrepubliken der Dritten Welt mit einer (richtig!) privilegierten Oberschicht?
Die anschließende Behauptung des Autors, dass "die Ausgewählten [also die Elite] später im Gegenzug ihre großen Möglichkeiten für alle und insbesondere für die Schwächeren einsetzen" ist entweder äußerst naiv und realitätsfremd oder will sich der Autor jetzt über den Leser lustig machen?
Was haben die Allgemeinheit und die Schwächeren davon, dass Topmanager und sog. Spitzenbanker vom Typ Ackermann von der Deutschen Bank AG Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent für ihre Bank bzw. die Kapitaleigentümer des Unternehmens erzielen und dafür Millionengehälter kassieren, wenn sie, um dieses Ziel zu erreichen, Tausende Mitarbeiter auf die Straße setzen?
Wie sich die Eliten der FDP für die Schwächeren und die Allgemeinheit einsetzen, zeigt sich deutlich, wenn Herr Westerwelle etwa Arbeitslose pauschal als Sozialschmarotzer diffamiert und gleichzeitig die Steuern für milliardenschwere Eigentümer von Hotelketten senkt. Wenn Herr Sarrazin von der SPD Hartz IV-Empfängern und Geringverdienern den Tipp gibt, sich - wie in den frühen Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges - zwei oder drei dicke Pullover überzuziehen, wenn das Geld für die Heizkosten nicht ausreicht, ist das der Einsatz der "Elite" für die Schwächeren? Oder gehören Herr Sarrazin und Herr Westerwelle etwa nicht zur Elite? Das mit dem "Wohlstandsmüll" (Unwort des Jahres 1997) als Bezeichnung für die Schwächeren, ist Herrn Maucher, dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten von Nestlé, selbstverständlich auch nur so herausgerutscht.
Wer wissen will, was "Sprachkritik" qualitativ leisten kann, dem empfehle ich das Buch "Der Politik aufs Maul geschaut: Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch" von Erhard Eppler.