Wenn die Weimarer Republik ein Gesicht hat, dann wohl seines: Sechs turbulente Jahre hindurch prägte er ihr Geschick und versuchte, die labile Demokratie gegen ihre Feinde aus dem rechten und linken Lager zu schützen.
Gustav Stresemann machte als Politiker eine enorme Entwicklung durch und wurde schließlich zu einem der ganz großen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts - und der erste Deutsche, der den Friedensnobelpreis bekam.
Als Spross aus dem unteren Mittelstand begann er schon frühzeitig, rechtsliberale Politik zu betreiben. Die Linke musste dem Sohn eines Kleinunternehmers zuwider sein, mit den rechtskonservativen Großgrundbesitzern im Osten konnte er ebenfalls nichts anfangen: kein Wunder auch, dass er nach dem Studium zunächst in einem Industrieverband Karriere machte. Obwohl er den Kaiser kritisierte, verfocht Stresemann während des Ersten Weltkriegs bis zum bitteren Ende das Bestehen auf einem Siegfrieden. Erstaunlicherweise kam er politisch trotzdem wieder auf die Beine, nun als Chef der DVP. Zunächst stand er der Republik mit Widerwillen gegenüber, dann wurde er der vielleicht engagierteste Schützer ihrer Verfassung. Mutig und nicht immer umsichtig lavierte er zwischen den Rechts- und Linksextremen, stets um ein Übergewicht der Mitte bemüht. Es gelang ihm, die Franzosen zur Aufgabe der von ihnen besetzten Gebiete zu bewegen, die Reparationszahlungen auf ein erträglicheres Maß zu drücken, Kredite ins Land zu holen, eine robuste Währung einzuführen, Deutschland in den Völkerbund zu führen und die Alliierten von Deutschlands Zuverlässigkeit zu überzeugen - und sich (Rapallo!) trotzdem ein Hintertürchen offen zu halten -; die Liste seiner Verdienste ist enorm. Seine Mittel wurden nicht immer verstanden.
Der Autor bezieht eine riesige Menge unterschiedlichster Quellen ein, um scheinbare Widersprüche in Stresemanns Aktionen, so die Zuwendung zur anfangs verhassten Republik und der "Schmusekurs" dem Hohenzollern-Kronprinzen gegenüber, aufzudecken und zu bewerten. Er nimmt Stresemann nicht in Schutz, lässt ihm aber Gerechtigkeit widerfahren.
Packend und dabei mit hoher sachlicher Dichte schildert Wright das Leben und die Bedeutung jenes passionierten Politikers, der wohl die einzige Konstante der wackligen Weimarer Republik darstellte und vor allem aufgrund von Krankheiten, für deren Auskurierung er aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse keine Zeit hatte, allzu früh zu Tode kam.
Am Schluss spekuliert der Autor - was heute unter Historikern legitim geworden ist, und ich finde es sehr interessant - darüber, ob Stresemann Hitler hätte aufhalten können.
Das Buch enthält zudem viele Fotos von Stresemann und seinem politischen Umfeld.
Meiner Meinung nach ist es großartig gelungen, zumal es neben der Stresemann-Biografie auch viele wichtige Gegebenheiten und Zusammenhänge aus Kaiserreich und Weimarer Republik vermittelt.