Dass der Okkultist, Yoga-Adept und Magier Gustav Meyrink auch nach seinen imposanten literarischen Erfolgen sich zeitlebens nicht primär als Schriftsteller verstanden und dem Kunst- und Literaturbetrieb immer irgendwie fremd gefühlt hat, dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Würdigung seitens eben dieses Literaturbetriebes in Form einer sorgfältig recherchierten und ausführlichen Lebensbeschreibung nach seinem Tod mehr als siebzig Jahre hat auf sich warten lassen. Nun liegt sie mit Harmut Binders umfangreicher Arbeit endlich vor und schließt damit die seit langem bestehende Lücke.
Der schwergewichtige Foliant eignet sich nicht gerade zur Fahrtlektüre im Nahverkehr, aber dafür sind wahrscheinlich alle verfügbaren Details zu Gustav Meyrinks Leben enthalten, und dies in ausgesprochen liebevoller, aufwendiger Ausstattung. Der Autor Hartmut Binder ist als Literaturwissenschaftler nicht nur der Gründlichkeit und Dokumentationspflicht, sondern auch weitgehender Neutralität verpflichtet - segensreich für den Leser, der keine Belehrungen über den Wahrheitsgehalt esoterischer Lehren und okkulter Phänomene wünscht, sondern möglichst alle wichtigen Begebenheiten in folgerichtiger und nachvollziehbarer Anordnung verarbeitet sehen möchte. Binder geht chronologisch vor und arbeitet die Veröffentlichungen Meyrinks mit eingehender Beschreibung und Würdigung der Inhalte an den zeitlich entsprechenden Stellen ein. Die penible Berücksichtigung selbst scheinbar unbedeutender Quellen, das häufige, gewissenhafte Abwägen widersprüchlicher Dokumente und Aussagen wirken keineswegs ermüdend - die Lektüre macht Spaß, woran nicht zuletzt auch die lesefreundliche Textformatierung und die vielen, in hervorragender Qualität abgedruckten Bilddokumente ihren Anteil haben.
Trotz des gewaltigen Umfangs dieser Arbeit und der gewissenhaften Berücksichtigung aller verfügbaren Daten sind auch Unvollkommenheiten und Defizite nicht zu leugnen. Dass Binder die penible Genauigkeit der Anfangskapitel, wo, überspitzt gesagt, jede Zeugnisnote des Schülers Gustav Meyer unters Elektronenmikroskop gelegt wird, nicht durchhält und die ersten Lebensjahrzehnte somit ein Übergewicht in der Schilderung bekommen, mag mit daran schuld sein. Was man vermisst, ist ein wenig mehr Detailreichtum im Feld der psychologischen Analyse. Es ist gewiss kein Fehler, dass in Binders Werk schlaumeiernde Psychoanalytik fehlt. Aber an manch wichtiger Stelle fehlen Hinweise, dass der Autor bestimmte Lebensäußerungen seines Protagonisten als aussagekräftig und bedeutsam verstanden hat. Da sind zum Beispiel die vielen Aufenthalts- und Wohnorte Meyrinks, deren Lokalisation, besonders während der Prag-Zeit, aufs Genaueste dokumentiert wird. Der Leser fragt sich irgendwann, ob es denn völlig selbstverständlich ist, dass jemand alle paar Monate die Wohnung wechselt, oder ob das vielleicht mit seiner Persönlichkeit zusammenhängen könnte? Oder die verwunderliche Kargheit, mit der sich Binder Meyrinks Kindern widmet. Man erfährt alle Einzelheiten über Meyrinks Rudersportsiege oder seine Auseinandersetzungen mit Ehrengerichten, aber über den Sohn Harro, der offenbar Mit-Auslöser für Gustavs Tod gewesen ist, bleibt der Leser weitgehend im Ungewissen. Wenn die Datenlage zu Harro und Sibylle wirklich so vergleichsweise dünn ist, dann hätte man wenigstens gern den Eindruck, der Biograph stelle dies mit dem entsprechenden Bedauern deutlich fest. Hinweise, dass Meyrink sich der Bedeutung Harros für sein Leben bewusst gewesen ist, liefert Binder durchaus, aber mehr auch nicht. Ähnliches lässt sich sinngemäß über die Behandlung von Meyrinks Eheverhältnissen sagen - auch hier würde man sich vom Biographen die penible Gründlichkeit wünschen, die er anderen Bereichen angedeihen lässt.
Dass die Punkte, an denen Fragen offen bleiben, das Lesevergnügen nicht entscheidend schmälern, bleibt abschließend zu resümieren. Und deshalb gebühren dem Buch nach meinem Empfinden auch volle fünf Sterne!