Im neuen Mahler-Briefband "Verehrter Herr College", herausgegeben von Franz Willnauer, werden sowohl die einzelnen Briefe an Komponisten, Dirigenten und Intendanten kenntnisreich kommentiert als auch die Abfolge der Briefe selbst immer wieder mit für das fortlaufende Lesen unschätzbaren Überleitungstexten unterbrochen, die den jeweiligen biographischen Kontext herstellen. Das mag zunächst ein wenig trocken klingen, ermöglicht aber schon nach kurzem Einlesen einen direkten, unverstellten Blick auf den rastlosen Arbeiter Gustav Mahler. Mahler war ja ein Mensch, der nie müßig sein konnte, ein "Workaholic" und unermüdlich Planender, Strebender, Schaffender, nie zufrieden mit dem Erreichten, von Routine schnell ermüdet, immer vorwärts drängend mit unvorstellbarer Energie. Dabei zeigen die Briefe, wie geschickt er schon in frühem Alter taktierte und ein weitverzweigtes Netzwerk von Kontakten knüpfte, um seine Ziele zu erreichen. Aber neben das Bild des ausgebufften Strategen, des versierten, ja manipulierenden Verhandlungspartners tritt gleichzeitig schon früh der unangepaßte, radikal gegen den Strom schwimmende Zug seines Wesens, der sich etwa im fast gänzlichen Fehlen konzilianter Weltläufigkeit dokumentiert, wenn es um die für Mahler absoluten Werte der Kunst ging. Hier war er zu keiner Konzession bereit, verlangte von sich selbst und anderen das Äußerste an Hingabe und Einsatz. Wo er diese nicht fand oder auf Unverständnis, Bequemlichkeit, Borniertheit und Ignoranz stieß, verlor er schnell die Geduld.
Der Normalmensch, dessen Nöte angesichts der Konfrontation mit einer so von innen heraus brennenden Persönlichkeit verständlich sind, empfindet solche Zumutungen an seine temperierte Normalität natürlich als Manifestation egomanen Größenwahns. Vor der Kunst gab es in Mahlers Augen keine Kompromisse; seine "Egozentrik" war jene der Kunst selbst, die sich durch ihn schöpferisch und nachschöpferisch verwirklichte; seine Autorität war die Autorität des kreativen Geistes, in dem elementare Kräfte verdichtet zum Ausdruck kommen. Vom Komponisten Mahler, der uns heute am meisten interessiert, von seinen Gedanken, Träumen, Wünschen, Zielen lassen die Briefe an "Collegen" natürlich nur wenig ahnen; sein inneres Wesen, sein Denken und Fühlen öffnete Mahler nur den engsten Freunden. Solche schriftlichen Zeugnisse, zumal wenn sie, wie diese Briefe, eher offiziellen Charakter haben und kaum Privates offenbaren, können daher immer nur ein schwacher, fossilierter Ersatz für das lebendige Miterleben sein, und alle Erkenntnisse, die man für sich daraus ziehen mag, sind letztlich subjektiv gefärbt. Immerhin sind Mahlers Briefe unmittelbare Zeugnisse seines Wesens, im Gegensatz zu den stilisierten, im Entstehen schon auf die Nachwelt berechneten Epistel Goethes, Schillers oder Thomas Manns. Am Ende bleibt nur das Werk. Im Falle Gustav Mahlers ist es aussagekräftiger als die Summe aller Realien und biographischen Fakten.