Das Thema des Films ist der Inder Shree Rajneesh Mohan (1931-1990), später bekannt als Bhagwan und Osho. Ein Mann über den weltweit zahllose Artikel, Bücher und Hausarbeiten geschrieben wurden, und der bis heute die Meinungen polarisiert.
Dieser Gurufilm ist weniger ein Film über den Guru, als je ein Portrait über zwei seiner engsten Vertrauten. Es ist auch keine Analyse über die Anfänge, den historischen Werdegang und die Anziehungskraft der von ihm begründeten und (in einer neuen Form) bis heute existierenden alternativ-spirituellen Bewegung.
Wer sich freimacht von Erwartungen, die nicht Thema des Films sind, wer sich keine Ja-Nein-Antwort auf die Frage erhofft, ob der berühmt-berüchtigte Meditationslehrer nun ein Erleuchteter oder ein Scharlatan gewesen ist, wer (eine vergleichsweise milde) Kritik an Bhagwan vertragen kann, wird dieser Dokumentation einiges abgewinnen. Besonders empfohlen sei die Arbeit von Gisiger und Häner allen, die die meist negative Berichterstattung der Medien in den 70er und 80er Jahren interessiert mitverfolgt haben, allen die in Poona (heute Pune) gewesen sind, und allen, die sich für das Thema neue religiöse Bewegungen interessieren, - im Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Kommerz.
Strukturell besteht der Schweizer Dokumentarfilm aus zwei getrennten, ausführlichen, chronologisch aufgebauten Interviews, sowie aus sorgfältig ausgewähltem Archivmaterial. Im Jahre 2009 halten die beiden so unterschiedlichen Interviewpartner noch einmal Rückschau auf die 70er und 80er Jahre. Die Gegenüberstellung der beiden sehr persönlichen und emotionalen Erzählungen, sowie die kunstvolle Verflechtung der Interviews mit den eindrucksvollen alten Aufnahmen aus Poona und Oregon verleihen dem Film seinen besonderen Reiz.
Die Inderin Sheela begegnete dem Atheisten Baghwan mit 21 Jahren und wurde schließlich zu seiner Sekretärin und zur mächtigen autoritären Leiterin der Großkommune in Oregon, - allerdings ohne die menschlichen und fachlichen Kompetenzen dafür zu besitzen. Der inzwischen drogenabhängige Guru zog sich immer mehr zurück, nahm seine Führungsrolle nicht wahr und legte sich die schon totzitierte Rolls-Royce-Sammlung zu. Nach dem Aus der Kommune landete Sheela für drei Jahre im Gefängnis. Heute leitet sie zwei Wohnheime für Alte und Behinderte in der Schweiz und verehrt Bhagwan noch immer.
Der Schotte Hugh Milne kam mit 25 Jahren auf der Suche nach seinem wahren Ich sowie sexueller Befreiung nach Poona und wurde später zum Bodyguard des Meisters ernannt. Lange Jahre erlebte Hugh den Guru in unmittelbarer Nähe. Nach dem Bruch mit Rajneesh unternahm er einen Selbstmordversuch, verbrachte einige Monate in einer psychiatrischen Klinik und veröffentlichte 1987 das Buch "Bhagwan: The God That Failed". Es ist eine über 300 Seiten starke, schonungslose Aufarbeitung der Zeit mit seinem charismatischen Lehrmeister.
When did it all start to go wrong? - diese Frage stellt sich Hugh im Buch und zu Anfang des Films. Jochen Werner hat es treffend formuliert: Guru ist vor allem deshalb ein faszinierender Film, weil er den allmählichen, manchmal quälend langsamen Erkenntnisprozess von Hugh geduldig nachzeichnet.
Zum Abschluss ein Tipp für alle, die nur wenig Vorkenntnisse haben über dieses kuriose Kapitel menschlicher Sinnsuche: Vor dem Anschauen des Films den informativen Wikipedia-Artikel über Osho lesen. Mit dem Hintergrundwissen des Artikels lassen sich die Aussagen von Sheela und Hugh besser einordnen.