Weil Gulliver nämlich gar nicht nur eine Geschichte für kleine Kinder ist, sondern zugleich eine hochironische Satire auf gesellschaftliche Zustände, ist es auch in fortgeschritteneren Lebensstadien immer wieder einmal interessant, einen genaueren Blick auf die im Prinzip bekannte Gulliver-Geschichte zu werfen - ganz gleich ob in deutsch oder in englisch.
Wer ein bisschen Einblick in psychologisches Denken hat, wird zudem entdecken, dass im riesengroßen Gulliver, mit dem sich der kindliche Leser oder Zuhörer bei der ersten Begegnung natürlich identifiziert, - dass dieser Gulliver dabei hilft, die Umgebung als klein und unwichtig zu empfinden: eine wunderbare Umkehrung des alltäglichen Schreckens aller Kinder, die scheinbar ewig Kleinen, Hilflosen, Machtlosen am unteren Rang der gesellschaftlichen Einfluß-Skala zu sein und womöglich zu bleiben.
Die Gulliver-Gestalt versöhnt mit den Machtlosigkeitsgefühlen der Kindheit. Als Jonathan Swift diesen Stoff schrieb, war es um die Situation der Kindheit in Europa allerdings auch noch erheblich schlechter gestellt als heute - obwohl, Irland - dort scheint immer noch nicht alles im Lot.
Interessant bei aller Liebe zu Gullivers Reise ins Land der Liliputaner ist, dass die gleich darauf folgende Swift'sche Erzählung, die alles gerade Gefühlte probeweise einmal auf den Kopf stellt, nämlich als bienengroßes Wesen sich unter lauter Riesen (im Lande BROBDINGNAG) aufhalten zu müssen: - interessant ist, dass diese Erzähleinheit sich längst nicht solch liebevoller Rück-Erinnerungen rühmen darf wie die Liliput-Sektion - das Wort BROBDINGNAG hat sich keinesfalls gleich stark eingeprägt, auch gibt es nachgebaute Liliput-Dörfer, nie aber BROBDINGNAG-Sraßenviertel, in denen man sich einmal so richtig stubenfliegenklein vorkommen könnte.
Alles in allem: ob in deutsch oder erst recht in englisch: Swift hat wie ein spöttischerer Nachfahre des Homer mit seiner Odyssee eine grundlegende, für menschliches Denken ewig aktuelle, hoch-ironische und die Gefühlswelt eines jeden Menschen mobilisierende Geschichte in die Welt gebracht - die natürlich nach Verfilmung geradezu lechzt - obwohl die natürlich immer wieder Probleme macht - jedoch dem britischen Fernsehen ist hier eine beachtliche (nicht ganz billige) Arbeit gelungen ...