Gullivers Reisen besteht aus vier Teilen, den Reisen ins Land der Lilliputaner, der Riesen, nach Laputa sowie ins Land der vernunftbegabten Pferde, die sich wilde Menschen als Haustiere halten.
Die ersten beiden Teile dieses unvergleichlich hellsichtigen und von einem gnadenlos scharfsinnigem, wenn auch misanthropischen Verstand gestalteten Beitrags zur Weltliteratur werden erstaunlicherweise auch heute immer wieder als Kinderliteratur verkauft. Während dies in vergangenen Jahrhunderten aus Gründen der Zensur geschah bzw., um dem Werk die satirische Schärfe zu nehmen, ist es heute nicht mehr zu rechtfertigen.
Vordergründig mag es noch in Ordnung gehen: der Verfasser strandet auf mehreren Schiffsreisen an diversen Stränden und muss sich auf unbekannten Inseln mit Lilliputanern, Riesen und seltsamen Mitmenschen auseinander setzen, erlebt auch allerlei merkwürdige Abenteuer in der Fremde.
Aber den Hohn und Spott, den Swift über Fürsten, Könige, Minister und Priester wie das gesamte Britannien seiner Zeit ausgießt, den kann kein Kind verstehen und auch mancher Erwachsene wird sich ohne Kommentar schwer tun.
Dabei liefert der Autor am Beispiel des Landes Lilliput einen kompletten gesellschaftlichen Gegenentwurf zum England des 18. Jahrhunderts, präsentiert Gedanken über Erziehungsmodelle, wie sie sich aktuell in der Presse finden und einen staunen machen.
Die Gesellschaft der Riesen nimmt er zum Anlass, Kriegstreiberei und Rüstungsunwesen sowie den Kampf des Empire um die Weltherrschaft zu karikieren.
Die Insel Laputa dient ihm zu einer politischen Kritik der englischen Politik gegenüber Schottland und Wales und kulminiert in einer derben Wissenschaftssatire sowie mit einer Abrechnung der fast 2000jährigen abendländischen Geschichte sowie schließlich einer satirischen Reflexion der Unsterblichkeit. Auch "Weiber" kommen als emotional und triebhaft gesteuerte Wesen ganz schlecht weg - da scheint der Autor einen tiefen Blick in die weibliche Psychologie getan zu haben.
Swifts weitere Verachtung gilt Moden und Trends, die ausschließlich den Zweck haben, das althergebrachte und funktionierende unter allen Umständen zu zerstören mit dem alleinigen Ziel, etwas neuem zum Durchbruch zu verhelfen - und sei es auch noch so sinnlos. Anhand der Zerstörung der laputanischen Kultur macht er auch diesen Ansatz lächerlich.
In der letzten Reise zu den vernunftbegabten Pferden schließlich präsentiert Swift - man versteht bis dahin schon sehr gut, warum das Buch zunächst unter Pseudonym erschien - eine Generalabrechnung mit der menschlichen Kultur und Zivilisation, Rechts- und politischem System und am Ende des Kolonialismus in einer bis dahin und seither kaum mehr dagewesenen ätzenden Weise.
Kurz: das ist kein Jugendroman, sondern einer der scharfsinnigsten und intelligentesten englischen Beiträge zur Weltliteratur.
Swift, der sich dabei als strenger Idealist outet, hält seinen Zeitgenossen den Spiegel vor, indem er deren Fehlentwicklungen in unbekannte Kulturen projiziert und sie durch Überzeichnung lächerlich macht oder seine eigene Kultur auf verächtliche Weise bloßstellt.
Das erstaunliche dabei ist, dass der Roman noch heute so frisch wirkt, dass man ganze Abschnitte davon als Argumente für in der Öffentlichkeit aktuell geführte Debatten nehmen könnte - insbesondere was die Erziehung angeht. Swift mokiert sich beispielsweise darüber, dass der weibliche Teil einer Kultur sich zuhause ausschließlich der Kindererziehung widmet - mit dem Argument, eine Zivilisation, die ausgerechnet dem dümmeren Teil die Erziehung überlasse, könne nur als lächerlich bezeichnet werden.