Leider fällt einem bei Gullivers Reisen immer nur die nach Lilliput ein, auf die wir Swift reduziert haben. Hätten mehr Menschen den gesamten Gulliver gelesen, hätte sich ein Unternehmen nicht 'ungestraft' Yahoo nennen können...
Aber auch sein Aufenthalt bei den Lilliputaner ist ja nicht ohne:
Der Königspalast steht in Flammen und es ist Gulliver, der den Brand in letzter Sekunde löscht und damit das Leben der kleinen Königin rettet. Da er am Vorabend Bier getrunken hatte, hat er genug Blasenflüssigkeit vorrätig.
"Zum Dank" drehen ihm die Lilliputaner eben daraus einen Strick, weil er gegen das Verbot des öffentlichen Urinierens verstoßen hat und verurteilen ihn zum Tode, und denken allen Ernstes darüber nach, wie sie die Todesstrafe an dem Riesen vollstrecken können'
300 Jahre alte Satire - trotzdem kann man Swifts bitterbösen Humor auch heute verstehen, ohne den politischen Hintergrund zu kennen (Und wo man es doch nicht kann, hilft der Kommentar).
Sein Reisebericht wirkt überhaupt nicht angestaubt und liest sich sehr flüssig, was an der Neuübersetzung liegen muss. Im Anhang findet sich ein spannender Kommentar der Übersetzerin zu der Frage, wie man den Charakter des Englisch des 17. Jahrhunderts ins Deutsch des 21. überträgt und ihn doch erhält. Das öffnet einem die Augen für die Leistung von Übersetzern.
Auch die Farben der beeindruckenden ganzseitigen Illustrationen verleihen dem Band eine belebende Frische.
Es ist eben nicht nur ein Lesevergnügen, sondern ein Erlebnis für Augen und Hände, wenn man das Buch aus dem Schuber holt, das wundervolle Papier berührt und Gulliver kapitelweise zelebriert. Ich halte diese Ausgabe für ein ideales Geschenk für Buchliebhaber, denn mit diesem Klassiker - vor allem in dieser wunderschönen Ausgabe - kann man einen noch überraschen!